Anjin-Do

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Dienstag, 17. Juni 2008

Rev. Shogon Harry Pieper zum Nembutsu

Liebe Weggefährten und Freunde,

der nachfolgende Beitrag stammt von Rev. Shogon Harry Pieper. Er war der erste Shinbuddhist und Priester in Deutschland und Europa. Er legte den Grundstein für die Verbreitung des Shinbuddhismus in vielen Ländern Europas.

In respektvollem Andenken an ihn möchte ich diesen Beitrag allen Interessierten zugänglich machen.

In Gassho
Shaku Chisho


Nembutsu und weiter nichts?
Im allgemeinen neigen wir dazu, in unserem gegenwärtigen Leben keine oder
zumindest nicht allzuviel Glückseligkeit zu erwarten, weil wir gelernt hat, daß
diese Samsara-Welt eben eine Leidenswelt ist, und tatsächlich gibt es auch
niemanden, der nicht das Leiden in der einen oder anderen Form an sich selbst
erfahren hätte. Wir haben aber auch gelernt, daß es eine Beendigung des Leidens
gibt am Ende des vom Erhabenen aufgezeigten Pfades – , doch am Anfang
dieses Pfades scheint das erstrebte Ziel der Freiheit vom Leiden ungeheuer weit
entfernt zu sein, sodaß uns nur wenig Hoffnung bleibt, dieses Ziel jemals zu
erreichen, oder zumindest erst nach einer unendlich langen Zeitspanne, die eine
Beharrlichkeit im Voranschreiten auf dem Pfade erfordert, die wir uns kaum
zutrauen können.
Und so können wir denn eine nicht geringe Anzahl von Menschen beobachten,
die sich als Buddhisten bezeichnen und sich in so starkem Maße des Leidens
bewußt sind, daß kaum jemals ein Lächeln ihre Gesichter erhellt. Nun, haben sie
nicht schließlich recht?
Aber es gibt auch andere Menschen, die vielleicht nicht so sehr stark betonen,
daß sie „Buddhisten“ sind, die aber trotz des Leidens glücklich zu sein scheinen.
Wie ist das möglich? Haben sie etwa schon das Ende des Pfades erreicht und
damit das Leiden überwunden, oder haben sie etwa die Edlen Wahrheiten vom
Leiden, von seiner Entstehung und von seiner Überwindung übersehen?
Keine von diesen beiden Möglichkeiten dürfte der Wahrheit entsprechen. Sie
sind sich ganz zweifelsfrei der Edlen Wahrheit vom Leiden (welche der
Ausgangspunkt des vom Erhabenen aufgezeigten Pfades ist) bewußt, aber sie
sind sich auch bewußt, daß es einen Pfad gibt, der zuverlässig zum Ende
jeglichen Leidens führt, welches identisch ist mit der Erreichung höchsten
Segens und unzerstörbaren inneren Friedens, welche niemals gleichzeitig mit
dem Leiden existieren können. Die Bewußtheit dieser Tatsache ist aber Grund
genug, eine Empfindung tiefen Glückes zu erwecken, weil sie auf der Sicherheit
beruht, daß das Leiden zu einem Ende kommen kann, der daraus ersprießende
Segen aber unendlich – ewig – ist!
Wie ich zuvor sagte, scheint das Ende des Pfades zu seinem Beginn unendlich
weit entfernt zu sein, und wenn wir in Betracht ziehen, daß wir „gewöhnliche
Menschen“ und nicht über soviel Stärke und Ausdauer verfügen, die zu einer
„imitatio Buddhae“, zu einer Nachahmung der von ihm geübten Praxis
erforderlich sind, scheint es für uns wirklich keine Hoffnung zu geben.
Jedoch: Sein großes Erbarmen mit den leidenden Wessen und Sein starker
Wille, sie alle zur Befreiung vom Leiden zu führen, waren der Anlaß dafür, daß
Er auch die Möglichkeit der Befreiung durch die „Andere Kraft“, d.h. durch die
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Kraft des Gelübdes Amida Buddhas, aufgezeigt hat. Er lehrte uns, daß Amida
Buddha die durch die Erfüllung Seiner Gelübde erworbenen Verdienste für alle
diejenigen bereitgestellt hat, die sich wohl nach der endgültigen Befreiung und
der Verwirklichung der höchsten Erkenntnis sehnen, selbst jedoch zu schwach
sind, diese Verwirklichung aus eigener Kraft durchzuführen zu können.
Unerschütterliches Vertrauen und fester Glaube an die Erlösungstat Amida
Buddhas ermöglichen uns die Verwirklichung des höchsten Zieles trotz unserer
äußerst mangelhaften Durchführung der mit unserem Streben verbundenen
Praxis. Glauben zu haben, d.h. in die Lehre Buddhas allgemein und besonders in
die durch Amida Buddha vollzogene Befreiung, ist die einzige Notwendigkeit
und entspringt in ganz natürlicher Weise unserem Vertrauen, wenn dieser
natürliche Prozeß nicht durch Zweifel oder andere Hindernisse irgendwelcher
Art aufgehalten und verhindert wird.
Es wird nun oft gesagt, daß „Glaube allein“ niemals die einzige Grundlage der
Verwirklichung des Höchsten Zieles sein kann, und daß der Glaube zumindest
durch eine Lebensführung in voller Übereinstimmung mit der buddhistischen
Lehre und ihren Praktiken, d.h. der strikten Beachtung der fünf Silas, der zehn
Tugenden, des Edlen Achtfachen Pfades, erhärtet werden muß. Dieser
Standpunkt scheint vernünftig zu sein, doch wer unter uns ist in der Lage, diese
Praktiken wirklich strikt durchzuführen? Jedoch: wenn wir uns unserer
Unfähigkeit zur strikten Praxis bewußt sind und uns auf den Glauben stützen, so
ist diese Einstellung für uns niemals Anlaß zur Inaktivität in bezug auf die
buddhistische Praxis!
Wie ich bereits ausführte, gibt uns die Gewißheit unserer bereits vollzogenen
Befreiung durch die „Andere Kraft“ ein Gefühl tiefer Glückseligkeit bereits hier
in dieser Samsara-Welt und inmitten des Leidens.
Diese innere Glückseligkeit aber ist die Ursache tiefer Dankbarkeit, welche uns
veranlaßt, Nembutsu zu sagen und dabei gleichzeitig unser Bestes zu tun, und
obwohl wir kaum in der Lage sind, etwas wirklich Gutes zu tun, unternehmen
wir wenigstens den Versuch dazu, denn wie anders sollen wir unserer
Dankbarkeit Ausdruck geben?
So ist denn unsere natürliche Anlage, unseren inneren Gefühlen Ausdruck zu
verleihen, der Anlaß dafür, daß sich unsere Herzen öffnen, sodaß die „Andere
Kraft“ eindringen und in unserem Leben wirksam werden kann – und unsere
schwachen Absichten, „etwas Gutes zu tun“, machen den Weg frei für das Gute
Amida Buddhas, dessen wir uns zwar nicht sehr rühmen können, da es eben
nicht unser eigenes Gute ist, das aber, sobald wir uns dieser Auswirkungen
bewußt werden, unser Vertrauen festigt, unseren Glauben vertieft und immer
wieder Anlaß wird zur Praxis des Nembutsu als Ausdruck unserer Dankbarkeit
ohne irgendwelche Bindung an einen Zweck oder ein Ziel, und daher frei ist von
enttäuschenden Mißerfolgen, die zusätzliche innere Belastungen mit sich
bringen.
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„Nembutsu – und weiter nichts“ ist letztlich tatsächlich alles: religiöse Praxis
und Aktivität im besten Sinne des Wortes, – ein Weg, der sicher zum Ziel führt,
ein Weg ohne Hindernisse und nicht zuletzt ein Schutz gegen alle hindernden
Einflüsse!
Hierzu das 7. Kapitel aus dem Tannisho:
Wer das Nembutsu pflegt, der ist wie „ein Weg ohne Hindernisse“, denn dem
gläubigen Übenden unterwerfen sich ehrerbietig die himmlischen Götter wie die
irdischen Geister, und auch die teuflische wie die außerbuddhistische Welt
bereiten ihm keinen Schaden, und weder Sünden noch durch Karma bestimmte
Vergeltungen üben irgendwelchen Einfluß auf ihn aus, und alles Gute folgt ihm
nach. Also wie ein Weg ohne Hindernisse.
So sprach der selige Weise.

Shyaku Shogon

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