Anjin-Do

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Donnerstag, 23. Oktober 2008

Sangha


von Rev. Shogon Harry Pieper
(Dieser Text wurde anlässlich des Vesakh-Festes am 23.4.1967 im Berliner Shin-Tempel als Predigt gehalten.)

Sangha – Gemeinschaft
Es ist natürlich und menschlich verständlich, daß der Buddha, der
Erhabene und Vollkommen Erwachte, als Verkünder der Lehre und
des vom Leiden befreienden Pfades Seinen festen Platz in unserem
Bewußtsein und damit in unserem Denken hat – und ebenso die Lehre
und der sich aus ihr ergebende Pfad, der uns sicher zu dem so sehr ersehnten
Ziel der endgültigen Befreiung vom Kreislauf der Geburt und
des Todes und damit vom Leiden führt.

Ich habe aber wiederholt darauf hingewiesen, daß wir als Buddhisten
nicht nur zur Lehre, über die so gern und so viel geredet und diskutiert
wird, und zum Buddha als ihrem Verkünder Zuflucht genommen
haben und ständig Zuflucht nehmen, sondern daß wir gehalten
sind, Zuflucht zu den „Drei Kostbarkeiten“ zu nehmen, nämlich zum
Buddha, zur Lehre und zur Gemeinschaft, dem S a n g h a !
Wir müssen uns klar machen, daß diese drei Kostbarkeiten eine
Einheit darstellen und daß alle drei, obwohl in einer Reihenfolge aufgezählt,
nicht als erstes, zweites und drittes Juwel zu betrachten sind,
womit dem Sangha, der Gemeinschaft, ein dritter Rang zugewiesen
wäre, sondern daß alle drei Juwelen gleichwertig nebeneinander und
miteinander bestehen!

Aus den bisher angestellten Betrachtungen des Sangha hat sich bereits
herausgeschält, daß wir im Sangha nicht nur den noch bestehenden
Mönchsorden sehen, sondern eine Gemeinschaft aller, die auf
dem gleichen Pfad dem gleichen hohen Ziel zustreben, vor allem all
derer, die auf dem Pfad der von Shinran Shônin wiederaufgezeigten
Praxis des Nembutsu – des ständigen Denkens an Buddha – der Hingeburt
ins Lautere Land zustreben, um dort frei von allen Hindernissen
das höchste Ziel der Vollkommenen Erleuchtung und der damit
verbundenen endgültigen Befreiung vom Leiden zu verwirklichen.
Heute möchte ich nun aber in der Deutung des Begriffs Sangha
noch weiter gehen, denn die Lehre des Erhabenen ist zu weit und zu
tief, um sich in irgendeiner Weise abgrenzen zu lassen.

Wir wissen, daß in den alten Schriften wiederholt davon die Rede
ist (und Shinran Shônin hat auch immer wieder darauf hingewiesen),
daß der Buddha 84000 Tore zum Nirvâna geöffnet hat, um allen Wesen
entsprechend ihrer Anlagen und Charaktere den Eintritt zu ermöglichen.
Wir dürfen hieraus nun einmal ganz nüchtern und logisch den
Schluß ziehen, daß der Shin-Pfad des Buddhismus, obwohl für uns der
beste, durchaus nicht den einzigen Weg bzw. die einzige Methode zur
Verwirklichung des Ziels darstellt. Die Richtigkeit dieser Schlußfolgerung
kann als bewiesen betrachtet werden durch die Existenz zahlreicher
Schulen innerhalb des Buddhismus, von denen sich eine jede auf
echte Buddha-Lehre gründet und einen der 84000 Wege praktiziert.
Auf dieser Tatsache beruht wiederum eine andere, daß nämlich die
Schulen des Buddhismus einander nicht rivalisierend oder gar feindlich
gegenüberstehen, sondern miteinander bestehen wie die Zweige
eines Baumes, die mit dem gleichen Stamm verwachsen sind. Und wie
dieser Stamm, solange der Baum lebendig ist, immer neue Äste und
Zweige natürlich wachsend hervorbringt, so sind auch im Laufe der
Jahrtausende bis in die Gegenwart hinein am Stamm der Buddha-
Lehre immer wieder Äste und Zweige gesprossen, die den besten Beweis
für die ungebrochene Kraft der Lehre erbringen.
Die verschiedenen Sekten bzw. Schulen innerhalb des Buddhismus
dürfen also keinesfalls als Absplitterungen angesehen werden, sondern
als das, was sie nach den soeben angestellten Überlegungen wirklich
sind, nämlich Beweis für die Lebendigkeit der Lehre, denn nur ein abgestorbener,
toter Baum bringt keine neuen Triebe, keine neuen Äste
und Zweige hervor.

Welche Konsequenzen ergeben sich nun daraus für uns als religiöse
Nachfolger des Erhabenen auf dem von ihm aufgezeigten Pfad?
Eigentlich weiter nichts als eine vorbehaltlose Toleranz allen anderen
Interpretationen und Praktiken gegenüber, die auf einer gleichen
religiösen Auffassung der Buddha-Lehre fußen und der Verwirklichung
des gleichen Zieles dienen, dem auch wir zustreben.
Es steht uns also nicht zu darüber zu richten, ob angewandte Praktiken
gut oder schlecht sind, zu nüchtern oder zu phantasiereich, denn
es ist sicher und durch die Lehre bestätigt, daß sie, wenn konsequent
geübt, zum gleichen Ziel führen! Es gibt keine Praxis, die für alle
gleicherweise dienlich ist, wie es der Erhabene auch erkannt und weshalb
Er den Weg auf so mannigfache Weise aufgezeigt hat.
Absolut und universal ist nur die Lehre an sich, und so sind denn
trotz unterschiedlicher äußerer Kennzeichen bzw. Methoden die vier

Heiligen Wahrheiten, der Heilige Achtfache Pfad und die daraus sich
ergebenden Konsequenzen die Basis, auf der alle Schulen bzw. Sekten
des Buddhismus ihre Praktiken zur Verwirklichung aufgebaut haben
und wodurch sie in ihrem innersten Wesenskern miteinander verbunden
sind.

Aus dieser Feststellung ergibt sich nun die einfache Schlußfolgerung,
daß der Sangha – die Gemeinschaft – nicht nur eine einzige
Schule bzw. Sekte ist, sondern die Gesamtheit aller, die gemäß der
Lehre des Erhabenen nach dem hohen Ziel der Befreiung vom Leiden,
vom Kreislauf von Geburt und Tod streben.
Daraus nun ergeben sich besonders für uns abendländische Buddhisten
neue Perspektiven für die Zukunft des Buddhismus im Abendland
und es hat den Anschein, als ob ähnliche Gedankengänge auch
schon an anderen Stellen vereinzelt im Entstehen begriffen sind.
Wir brauchen uns dabei nicht um unsere asiatischen Brüder und
Schwestern zu sorgen, denn was ich soeben hier ausgeführt habe, ist
ihnen zumeist eine Selbstverständlichkeit. Nur wir Abendländer sind
noch zu stark im „unterscheidenden Denken“ befangen (weil wir dazu
erzogen worden sind) und lassen in uns selbst den Gemeinschaftsgeist
immer wieder hemmen oder gar ertöten, weil wir die äußeren Merkmale
eben „unterscheiden“ und gewissenhaft „katalogisieren“ und dabei
das gemeinsame Streben nach einem gemeinsamen Ziel außer
Acht lassen. Solche Praxis aber widerspricht dem Geist der Buddha-
Lehre und es wäre gut, wenn wir sie mehr und mehr aufgeben, um
mehr Bewegungsfreiheit für das Wesentliche zu gewinnen, für das,
um dessentwillen wir die Lehre des Erhabenen für uns als Lebensweg
angenommen haben, zum Heil für einen jeden von uns und damit zum
Heil für viele.

Wenn ich zuvor von Perspektiven sprach, die sich aus einer dem
Geist der Lehre entsprechenden universalen Interpretation des Begriffs
Sangha ergeben können, so habe ich damit keinen „Organisationsplan“
gemeint, sondern vielmehr eine geistige Bruderschaft, innerhalb
welcher ein jeder ungehindert und ungestört den Weg geht, der seinen
Anlagen und seinem Charakter entspricht – ungestört und ungehindert,
weil es dann keine Diskussionen und Argumentationen über das
„wie und auf welche Weise“ geben kann, sondern nur noch gegensei4
tige Achtung und Ermutigung, die ein jeder noch dringend braucht,
solange er das Ziel noch nicht verwirklicht hat.
Eine aufgrund von (mehr oder weniger guten) Kompromissen gegründete
Organisation wäre wegen der nun einmal vorhandenen persönlichen
und menschlichen Schwächen eher eine Abschirmung gegen
den Geist der Lehre (wie es jede „Heilsbürokratie“ ihrem Wesen
nach ist) als ein Gefäß des Dharmakâya, des Geistes der Lehre, der
allein lebendig ist. Wenn aber eine soche auf den Buddha-Geist gegründete
Gemeinschaftlichkeit besteht, werden sich die Geister aus
den verschiedenen Schulen und Sekten stets zusammenfinden, die bereits
einen Hauch dieses Buddha-Geistes in ihrem eigenen Streben
verspürt haben, und sie werden dann in summa der Spiritus Rector
nicht nur ihrer eigenen Gruppe, sondern eines universalen Sangha
sein, der die Verkörperung des Dharmakâya in unserem Bereich darstellt!
Dieses hohe, ideale Ziel läßt sich aber nicht erstürmen, sondern alle
müssen gemeinsam da hineinwachsen. Es hat keinen Zweck, mit
edler Begeisterung auf andere einzureden und sie zu überreden.
Das einzig Zweckmäßige ist, daß wir in unserer kleinen Gemeinschaft
den uns gezeigten Weg der Praxis des Nembutsu, des ständigen
Denkens an Buddha, unbeirrt weitergehen, daß wir in diesem Denken
unsere Blickfelder beständig erweitern, begrenzte Begriffe dadurch
ausdehnen, zu immer weitergehenden Konzeptionen kommen und so
allmählich zu Ausstrahlungspunkten dieses Buddha-Geistes werden,
was in dem Maße Wirklichkeit wird, wie wir unser persönliches und
eingeengtes Selbst aufgeben.

Ich bin zuversichtlich in Bezug auf die weitere Entwicklung, denn
obwohl wir zahlenmäßig die kleinste buddhistische Gruppe sind, lassen
sich Auswirkungen erkennen, die darauf hindeuten, daß der Geist
der Lehre über unser noch recht persönliches Wirken hinausgeht.
Es bestätigt sich als Wahrheit, was Vasubandhu sagte, daß nämlich
das Licht des Buddha Amida allezeit und ungehindert das ganze Universum
durchdringt.
Je mehr Hindernisse wir aber in uns fallen lassen, umso stärker
wird das Licht scheinen, das Shinran Shônin in seinem Shôshin-
Nembutsu-Ge sinngemäß mit folgenden Worten preist:

Du bist das Licht, das ewig strahlt,
das Licht, das ohne Grenzen ist,
das Licht, das ohne Hindernisse
ganz unvergleichlich hell erstrahlt!
Du brennend Licht, Du reines Licht,
Du Licht der Freude und der Quell,
daraus der Weisheit Licht entspringt.
Du unaufhörlich strahlend‘ Licht,
das Menschengeist nicht fassen kann,
das Worte nicht beschreiben können!
Licht, dessen Kraft weit übertrifft
die Helligkeit von Sonn‘ und Mond!
Und alles lebt in Deinem Licht, dem Einen Licht,
das auf zahllose Welten strahlt!
Dein Licht scheint uns zu jeder Zeit
und schließt uns alle in sich ein:
es ist uns Führer Tag und Nacht
und beschützt uns auch zugleich.
Obwohl die Zweifel sind geschwunden,
sind doch noch Gier und Haß und Wahn
und zieh’n gleich Wolken über uns,
verdunkelnd wahren Glaubens Licht.
Das ist wohl so, als wenn am Himmel
die Sonn‘ von Wolken ist verdeckt:
wir seh’n sie nicht, doch dringt ihr Licht
trotzdem zu uns , denn

Licht ist immer!

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