Anjin-Do

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Samstag, 25. April 2009

Das Tannisho

(II)

Ihr seid alle über die Grenzen von mehr als zehn Ländern unbekümmert um die Gefahr von Leib und Leben zu mir gekommen, lediglich in der Absicht, euch bei mir nach dem Weg zur Hingeburt ins Reine Land zu erkundigen. Es ist jedoch ein großer Irrtum von euch, wenn ihr eine bange Ahnung habt, dass ich außer dem Nembutsu noch andere Wege zur Hingeburt kennen würde. Wenn es so wäre, dann solltet ihr euch vielmehr an jene tüchtigen Gelehrten wenden, deren es ja in der Südstadt wie im Nordgebirge so viele gibt, und die Hauptpunkte der Hingeburt ausführlich Auskunft einholen.

Es ist heute und war sicher auch früher keine ungewöhnliche Sache für Suchende weite Reisen auf sich zu nehmen, um berühmte Lehrer aufzusuchen und ihre besonderen Lehren zum Dharma zu zuhören. Heute wie damals waren die Zeiten nicht besonders vertrauenserweckend und die Menschen suchten Orientierung in einer Zeit der Orientierungslosigkeit. Auch wir kennen diese Tendenzen einer Tradition, einem Lehrer oder einer Richtung zu folgen und wenn wir vermeintlich alles wissen oder die Dinge uns nicht zusagen, machen wir uns auf und suchen etwas anderes. So etwas nennen wir heute "Spiritual Shopping" und ist weit verbreitet. Sicher war es auch zu Shinrans Zeiten nicht anders und so gehe ich davon aus, dass auch der Meister wusste, um was es den Menschen ging und er die Leute deshalb an die Gelehrten verwies, von denen es so viele gab. Er wies darauf hin:

Für mich, Shinran, bleibt weiter nichts übrig als nach der Anweisung des guten Meisters (Honen) zu glauben, dass wir von Amida gerettet werden, wenn wir ausschließlich den Namen Amidas anrufen. Ich meinerseits weiß überhaupt nicht, ob das Nembutsu, die Anrufung des Namens Amidas, wirklich die Saat ist, die Hingeburt in das Reine Land zu ernten, oder ob es ein Tun ist, durch das man in die Hölle kommen wird.

Die Menschen sind immer auf der Suche nach dem Besonderen. Den Dharma zu verstehen ist sicher nicht einfach und alles was nicht einfach zu verstehen ist, muss doch etwas ganz Besonderes sein und irgendwelche Geheimnisse verbergen, welche, wenn man sie dann weiß, dass ganz besondere Erlebnis oder die Erkenntnis verspricht. Meister Shinran wiedersprach den Vorstellungen davon, dass er etwas so Besonderes wüsste und verwies einfach auf seinen Lehrer und darauf, dass er diesem einfach glaubte, ohne zu wissen, ob dieser die Wahrheit gelehrt hatte. Er nahm das Gelehrte einfach nur hin!

Auch wenn ich durch die Anrufung des Namens Amidas, zu der ich vom Meister Honen überredet wurde, in die Hölle kommen würde, so würde ich es doch gar nicht bereuen. Ich würde es nämlich mit guten Gründen bereuen, dass ich von ihm überredet wurde, wenn ich durch das Nembutsu in die Hölle käme, während ich durch andere fleißige Übungen hätte Buddha werden können. Da ich keinerlei Übungen fähig bin, so ist die Hölle bestimmt meine Wohnstätte.

Meister Shinran hatte die anderen fleißigen Übungen in seinem zwanzigjährigen Mönchsleben alle erfahren und geübt. Er hatte mit Sicherheit gute und erfahrene Lehrer und Meister - und doch, er selber war nicht dazu in der Lage die erhoffte Wirklichkeit zu erkennen. Wohl aber erkannte er seine Unzulänglichkeiten, welche sich aus seinem Karma und seiner Verblendung ergaben. Um in einem solchem Dilemma also dennoch die Befreiung zu erlangen, blieb dem Suchenden nichts weiter übrig, als sich mit absolutem Vertrauen seinem Lehrer Honen zu ergeben und seinen Worten und Auslegungen des Dharma zu glauben. Vergleichen wir es mit einer einfachen Sache, die vielleicht einige von uns kennen.

Man fühlt sich nicht wohl und geht zu einem Arzt. Dieser aber kann nichts feststellen und so geht man zu einem anderen Arzt. Aber auch dieser weiß sich keinen Rat und so setzt man seine Reise zum nächsten Arzt fort. Letztlich findet man jemanden, der weiß woran das Unwohlsein liegt und hilft einem es wieder los zu werden. Würden wir an einem solchen Arzt zweifeln? Meister Shinran sagt:

Ist Amidas Urgelübde wahr, so kann auch die Lehre Shakyamunis keine Lüge sein. Wenn das Wort Buddhas wahr ist, dann können Zendos (Shan-tao) Auslegungen keine Lüge sein. Wenn Zendos Auslegungen wahr sind, wie können die Anweisungen Honens unwahr sein? Sind aber die Anweisungen Honens wahr, dann dürfte auch das, was ich, Shinran, euch sage, wohl nicht eitel sein.

Die Tatsache, dass mir der Arzt helfen konnte und es mir hiernach wieder besser ging, lässt mich ohne Zweifel an dem Wissen und der Kompetenz des Arztes glauben. Ebenso an dem Wissen und der Kompetenz derer, die ihm dieses Wissen beigebracht haben. Shinran beschloss also, im übertragenen Sinne, von diesem Arzt (Honen) alles zu lernen und sein ganzes Leben danach auszurichten und stellt zu Recht die Frage, wenn es mir geholfen hat, wo keiner helfen konnte, wie kann ich mit dem, was ich vom Meister lernte falsch liegen?

Alles in allem, ist es der Glaube von mir, einem einfältigen Mann. Da es einmal so ist, kommt es ganz auf eure Entscheidung an, ob ihr das Nembutsu annehmt und glaubt oder es verwerft.
So sprach der Meister.


Diesen Satz von Meister Shinran finde ich besonders erwähnenswert. Denn hier macht er keine Heilsversprechen, betont nicht seine besonderen Fähigkeiten als Arzt bzw. als Meister, sondern er überlässt es dem Einzelnen zu entscheiden, ob das Nembutsu ein Weg zur Beseitigung des „Unwohlseins“ für den Einzelnen sein kann oder nicht.

Liebe Freunde, soweit meine persönlichen Gedanken zum zweiten Kapitel im Tannisho.

namuamidabutsu

in Gassho

Euer Shaku Chisho

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