Anjin-Do

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Dienstag, 19. Januar 2010

Den Buddha-Dharma im Hongwanji lauschen

Erlebnisbericht JAPAN II
 本願寺で仏法を聴聞させていただく


Beitrag von Shaku Gyôgan Armin

In diesem Bericht möchte ich Euch über die Art und Weise des Dharmatalks am Hongwanji berichten. Dem Buddha-Dharma immer wieder zu lauschen ist für uns Shinbuddhisten ja von zentraler Bedeutung. Im Japanischen nennt der Shinbuddhist das Chômon 聴聞. Eine Schriftzeichenkombination, die der normale Japaner so nicht kennt. Ein Fachwort, dessen erstes Zeichen (Chô) man mit „horchen“ übersetzen könnte und das zweite (mon) mit „hören“. Wir finden das Radikal für „Ohr“ 耳in beiden Schriftzeichen und durch diese Bedeutungsverdopplung wird die Wichtigkeit des Hörprozesses hervorgehoben.

Dem Buddha-Dharma zu lauschen, dazu hat man am Hongwanji reichhaltig Gelegenheit. Schon nach der morgendliche Andacht um 6:00 Uhr hält ein Priester, der mit dem Dharmatalk am Hongwanji für etwa eine Woche betraut ist - und meistens ein Priester eines entfernten Tempels ist und eigens dafür anreist - einen kurzen Dharmatalk. Ich versuche das Wort predigen oder unterweisen zu vermeiden, denn die japanische Art des Dharmatalk hat eine sehr erzählerische Art und ist weniger als Belehrung mit erhobenem Zeigefinger zu verstehen. Es geht ja nicht um Wissensvermehrung oder Textanalyse, sondern darum, den Dharma mit dem Herzen aufzunehmen und wirken zu lassen. So sind es zumeist Erzählungen aus dem Alltagsleben, die eine shinbuddhistische Pointe haben, oder auch witzige und kuriose Berichte aus dem Leben des Priesters mit seiner Gemeinde. So zum Beispiel diese:

Ein Gläubiger fragt den Priester: „Wie komme ich denn nun ins Reine Land und liegt da wirklich im Westen?“ „Ja natürlich. Um dahin zu gelangen brauchen Sie nur immer gen Westen zu gehen!“ antwortete der Priester. „Wie…Westen, Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen.“ „Ganz bestimmt nicht. Probieren Sie es ruhig aus!“ „Aber wenn ich immer nur gen Westen gehen würde…ja dann würde ich doch irgendwann wieder genau hier bei mir ankommen!“ „Genau das, bei sich selbst ankommen!“

Am Nachmittag um 14:00 Uhr findet dann ein eineinhalbstündiger Dharmatalk im Monbô-Kaikan 聞法会館, dem Gemeindehaus des Hongwanji, statt. Monbô heißt auch nichts anderes als „den Dharma (hô/bô) hören (mon)“.
Um 19:00 Uhr gibt es dann noch mal einen einstündigen Dharmatalk, der ebenfalls vom Gastpriester gehalten wird.

Diese längeren Dharma-Gespräche beginnen immer mit einer Andacht, zu der das Sanbutsuge oder Juseige mit anschließendem Gobunshô (einem Brief von Rennyo Shônin) erklingt. Abschließend werden die vier „Aussagen zur Lebensführung“ gemeinsam rezitiert. In diesem Monbô-Kaikan, das direkt neben dem Tempel liegt, finden natürlich noch allerlei andere Veranstaltungen statt, bei denen man den Dharma hört. Dort befinden sich auch ein Restaurant, Geschäft und Cafe und drei Stockwerke mit Gästezimmern,…also alles für Leib und Seele, was man so als Besucher des Hongwanji braucht, um ein paar Tage dem Dharma intensiv zu lauschen.

Um einen Eindruck eines solchen Dharmatalk zu bekommen, möchte ich im Folgenden in verkürzter Form eine Erzählung des Priesters Fujii Giei (藤井義英師) wiedergeben, die mir besonders gefiel und sehr typisch für einen Dharmatalk in Japan ist:

Rev. Fujii hatte eine Gruppenreise nach China zu den Wirkensstätten der drei chinesischen Patriarchen als Reiseleiter und Betreuer zu organisieren. In der Gruppe, die er zu betreuen hatte, war nun ein älteres Ehepaar, das fürchterliche Angst vor Schiffreisen hatte. Im Zuge der Reisevorbereitung erfuhren sie nun, dass die Reise eine Überfahrt mit einer Fähre beinhaltete, was entsprechend Besorgnis erregte. Bei den regelmäßigen Vorbereitungstreffen war nun dieses Ehepaar äußerst anhänglich und fragte permanent danach, wie groß wohl die Fähre sein mag…wie wohl der Seegang sein wird…ob es schaukeln wird…ob es dies oder das gäbe…etc. Da Rev. Fujii diese Reise auch zum ersten Mal machte, konnte er wenig dazu sagen, was das Ehepaar nur noch nervöser machte. Vor Reisebeginn konnte Rev. Fujii aber die Reiseziele noch im Zuge seiner Vorbereitung besuchen und hatte den Auftrag, alle Details bezüglich der Fähre genauestens zu erkundigen. Doch zu der Zeit, als er dort war, lief der saisonbedingte Fährbetrieb noch nicht und so gab es nur wage Informationen. Es sollte zumindest eine große Fähre sein, hieß es. Aber das beruhigte das Ehepaar wenig. Und so ging das sich Sorgen und unruhige Spekulieren weiter. Für Rev. Fujii als Reiseleiter und Seelsorger keine leichte Aufgabe. Trotz aller Erkundigungen gab es außer mit der Fähre keine andere Möglichkeit, um ans andere Ufer zu gelangen - mag es sie auch in der Vergangenheit gegeben haben. So war eine Alternative ausgeschlossen. Auch ein vorzeitiger Reiseabbruch kam für das Ehepaar nicht in Frage. Schließlich wollten sie ja die Reise bis zu Ende mitmachen.

Der Tag der Fähr-Überfahrt rückte näher und das Ehepaar wurde zunehmend bleicher. Sie schienen kaum noch vor Sorge essen zu können und in den Nächten zuvor klopften sie des Öfteren an Rev. Fujiis Zimmertür und hatten die unmöglichsten Fragen. Nun war es soweit…das leichenblasse Ehepaar erblickte die im wahrsten Sinne des Wortes gigantische Fähre. Doch wie wird wohl der Seegang sein? Wird es schaukeln? …Außer dem Handgepäck wurden alle Koffer gesammelt und gesondert verstaut und die Reisenden bezogen ihre Kabinen. Die Fähre legte ab und die erstaunlich ruhige Überfahrt begann. Kaum ein Moment der Ruhe und es klopfte an Rev. Fujiis Kabine. Ob sie wohl doch ihren Koffer bekommen könnten, fragte das Ehepaar. Rev. Fujii vermutete, dass sie darin vielleicht ihre Medikamente gegen Reisekrankheit verstaut hatten und setzte alle in Bewegung, den Koffer des Ehepaars zu besorgen. Kurz danach klopfte es wieder: Ob sie wohl einen Wasserkocher leihen könnten, fragten sie.
Medikamente? Heißes Wasser? Rev. Fujii wunderte sich sehr und half, wo er konnte.

Er rechnete schon damit, dass es gleich wieder an der Kabinentür klopfen würde, doch unerwarteter Weise war es still…verdächtig still. Nun machte er sich Sorgen. Warum war es so still geworden? Medikamente -heißes Wasser? Nebenwirkungen - Überdosis? Rev. Fujii beschloss nachzuschauen und klopfte an die Kabinentür des Ehepaares. Völlig überrascht sah er beim Eintreten das Ehepaar auf dem Boden sitzen, mit gut gerötetem Gesicht bei heißer Instant-Nudelsuppe und Reiswein. In dem offenen Koffer erblickte er Leckereien aller Art. Man sah ihnen die abgefallenen Sorgen und die Freude über die wider erwartet ruhige Überfahrt am ganzen Leibe an. Tagelang hatte das Ehepaar vor lauter Sorge kaum gegessen und nun konnten sie vor Erleichterung den Hunger nicht mehr bändigen und aßen nach Herzenslust.

In sorgloser und heiterer Stimmung genossen sie die Reise und sichere Überfahrt ans andere Ufer.
Etwa genau so werden sich wohl jene fühlen, die nach langem sorgevollen Bemühen um eine gesicherte Wiedergeburt, das gigantische Schiff des Nembutsu besteigen und sich der ruhigen und entspannten Überfahrt anvertrauen.



Namo Amida Butsu

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