Anjin-Do

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Donnerstag, 15. April 2010

Glück und Freude



v. Rev. Harry Pieper

In den gesammelten Aussprüchen Rennyo Shônins, des vierten
Patriarchen unseres Tempels, lesen wir im 47. Abschnitt:
„Seid niemals zufrieden mit euren eigenen Ansichten und Meinungen,
sondern denkt stets an euren Glauben. Der Buddhismus sieht von
außen sehr trocken aus, in seinem Innern aber findet ihr grenzenlose
Freude,“ – so sagte der Shônin eines Tages.
Dieser Ausspruch ist einfach und klar, eigentlich zu einfach – um
nicht zu sagen primitiv – so dass leicht der Gedanke aufkommen kann,
dass es sich doch eigentlich nicht lohnt, ihn bis auf die heutige Zeit getreu
zu überliefern, was vielleicht nur aus Respekt gegenüber Rennyo
Shônin geschehen ist, unter dessen Patriarchat die Shin-Schule, die
von seinem Vorfahren Shinran Shônin gegründet worden war, erst zu
einer wirklich in sich geschlossenen und in der Lehrinterpretation eindeutigen
Schule geworden ist.

Wenn wir aber ein wenig über diesen Ausspruch nachdenken, so
werden wir entdecken, dass er es durchaus wert ist, weitergegeben zu
werden, denn er trifft mit wenigen Worten den Kern.
Es ist doch eine Tatsache, die wir immer wieder beobachten können,
dass sich Menschen der Lehre des Erhabenen aus echtem Interesse
heraus zuwenden, dass sie aber nach einer mehr oder weniger langen
Zeit des Studiums des (allerdings sehr umfangreichen) Schrifttums
wieder aufgeben, weil sie vielleicht wegen eines fehlenden Impulses,
mehr in die Tiefe zu gehen, sich in der Breite (Weite) verlieren oder
weil sie aus Mangel an rechter Führung durch einen geeigneten Lehrer
das Gefühl haben, sich in einer dürren Wüste zu verlieren und an trockenen
Worten eher zu ersticken als sich erlaben zu können.

Das ist gewiss tragisch, aber wenn wir unseren eigenen Weg überschauen,
werden wir vielleicht feststellen können, dass es uns am Anfang
in gewissen Punkten auch nicht viel anders ergangen ist und dass
wir vielleicht nur ein wenig mehr Energie oder eine bessere Anleitung
gehabt haben, die uns dazu veranlasst haben, nicht aufzugeben. Und
eigentlich hat es doch recht lange gedauert, bis wir so weit waren, dass
wir etwas von dem lebendigen, erquickenden und stärkenden Quell
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entdeckt haben, der unter diesem Berg von nüchternen, oft trockenen
Wortüberlieferungen fast verschüttet ist, und bis wir begannen, eine
tiefe innere Freude an der Lehre und Dankbarkeit gegenüber ihrem
Verkünder und allen, die sie bewahrt und weitergegeben haben, zu
empfinden.

Natürlich war diese Entdeckung kein Wunder und auch nicht das
Ergebnis einer uns unvermittelt zugeteilten Gnade: sie hat ihren natürlichen
Ursprung auch in unserem eigenen Bemühen, diesen lebendigen
Quell beständiger Freude und inneren Glücks zu erschließen, indem
wir uns darum bemühten, immer tiefer zu gehen.

Ganz sicher sind uns in diesem Streben auch Anregungen zuteil
geworden, nicht zuletzt vielleicht auch durch Begegnungen mit Menschen,
die wie wir auch Buddhisten waren und in deren Wesen wir
etwas wahrnahmen, das unsere Aufmerksamkeit erweckte, da es etwas
Strahlendes, Lebendiges gewesen ist. Hierzu möchte ich besonders
betonen, dass das Wesen solcher Menschen, die gewissermaßen Träger
des Wesens der Lehre sind, absolut nichts mit der Schule zu tun hat,
der sie in ihrer Praxis des Weges folgen.

Es wird z.B. oft gesagt, dass die Theravâda-Tradition als ein Weg
ständiger Selbstanalyse und Selbstkontrolle die nüchternste aller Traditionen
sei, und sie wird deshalb auch gerne in unserer modernen,
nüchternen Zeit als die „echte“ Form des Buddhismus bezeichnet.
Nun, das mag vielleicht nicht unrecht sein, aber Tatsache ist, dass ich
unter den Anhängern dieser nüchternen, analytischen Schule auch solche
getroffen habe, deren Wesen das Wesen der Lehre, insbesondere
bezüglich des inneren Glücks und des inneren Friedens, in ihrer Umgebung
ausstrahlte, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf.

In diesem Zusammenhang aber glaube ich feststellen zu können,
daß gerade die europäischen Anhänger dieser Schule wohl nicht auf
dem rechten Wege sind, – vielleicht auch darum, weil sie sich immer
noch und immer wieder nur intellektuell mit der Wortüberlieferung
befassen und daher nicht zu dem Inneren vordringen können, das –
wie Rennyo Shônin sagt – grenzenlose Freude bringt.

Obwohl nun die sogenannten Mahâyâna-Überlieferungen vielfach
„wärmer“ sind und mehr das Herz ansprechen, finden wir aber auch
unter den Anhängern dieser Tradition leider allzu viele, die ebenfalls
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nicht über das Äußere hinausgehen, das in diesem Falle in einer reichen
Tradition von religiösen Übungen, Riten und Ritualen besteht,
von denen sie sich fesseln lassen und weshalb auch ihnen der Quell,
der im Innern vorhanden ist, verschlossen bleibt.
Es ist nicht leicht, zu diesem ganz augenfälligen Mangel etwas zu
sagen, es sei denn, man wäre ein Buddha und in der Lage, die Ursachen
und Zusammenhänge zu überschauen, – aber sicher hat es etwas
mit einem „abendländischen Karma“ zu tun, dem wir alle mehr oder
weniger stark verhaftet sind, andernfalls wir ja nicht in dieses Milieu
hineingeboren worden wären.

Wie dem aber auch sei: wer auch immer behauptet Buddhist zu
sein und dabei mit einem furchtbar ernsten Gesicht herumläuft (da er
ja die Wahrheit vom Leiden kennt!), ist eigentlich schon an der Lehre
vorbeigegangen, denn der Kerngehalt der Lehre ist nicht die Heilige
Wahrheit vom Leiden (die lediglich den Ausgangspunkt darstellt),
sondern der zur Aufhebung des Leidens führende Pfad – und allein
das Wissen um die Tatsache, dass ein solcher Pfad existiert und vom
Erhabenen klar und verständlich aufgezeigt worden ist, könnte selbst
ohne allzu tiefes Eingedrungensein schon Grund zu Dankbarkeit und
Freude sein.

Letzteres ist ohne Zweifel bei allen ehrlich sich bemühenden
Buddhisten der Fall, gleich welcher Tradition oder Schule sie folgen:
ich habe selbst bei sogenannt strengen Theravâdins viel öfter ausgeglichene,
stets freundliche und heitere Naturen angetroffen als solche
„leidbewußten“ Buddhisten, wie sie das Abendland leider in so verhältnismäßig
großer Zahl hervorgebracht hat und immer neu hervorzubringen
scheint, was dem abendländischen Buddhismus immer wieder
seitens der nicht-buddhistischen Umwelt das Urteil einträgt,
Buddhismus sei nichts weiter als religiös verbrämter Pessimismus.
Was können wir aber nun dagegen tun? Nicht viel, wie es auf den
ersten Blick scheint, denn wir können jene Naturen nicht ändern, die
aufgrund eines unglücklichen Karma eben Pessimisten sind.
Was wir aber tun können – und das liegt durchaus in unseren Händen
– ist, dass wir uns immer mehr darum bemühen, das Haften an der
trockenen Oberfläche aufzugeben und uns immer enger mit dem der
Lehre innewohnenden Quell unendlicher Freude zu verbinden, sodass
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wir – ein jeder von uns – zu Gefäßen dieser Freude, dieses tiefen, unzerstörbaren
Glücks werden.

Und wir haben es doch gar nicht schwer bei diesem Bemühen, da
wir die Gewissheit haben, das hohe Ziel der Befreiung vom Leiden
ganz sicher, ganz bestimmt zu erreichen durch die wunderbare Kraft
des Hauptgelübdes des Buddha Amida, der uns dort, wo unsere eigene
menschliche Schwäche hindernd im Weg steht, aus großer
Barmherzigkeit Seine eigenen angesammelten Verdienste zuwendet
und uns Einlass gewährt in Sein Lauteres Land, wo der endgültigen
Verwirklichung des Ziels keinerlei Hindernisse mehr entgegenstehen!

Namu Amida Butsu.

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