Anjin-Do

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Dienstag, 15. Juni 2010

Hei-Zei-Gô-Jô



          平生業成 Hei-Zei-Gô-Jô

Das Anliegen unserer Lehre
Eine Zusammenfassung Shinran Shônins Anliegen in vier Schriftzeichen
Beitrag von Armin Lohbeck, angelehnt an seinen Vortrag vom 5.6.2010 im Ekô-Haus

Ähnlich der japanischen Gedichtsformen Haiku (5-7-5 Silben) oder Tanka (5-7-5-7-7) hat es in Japan eine lange Tradition, komplexe Sachverhalte, Texte oder auch das Wirken einer Persönlichkeit in vier chinesischen Schriftzeichen (Kanji) zusammenzufassen, als Inhaltsangabe quasi oder Merkspruch.

So gibt es beispielsweise auch für jeden der sieben Patriarchen unserer Reinen-Land-Schule einen solchen Merkspruch, der dessen jeweiligen Beitrag zu unserer Lehre ausdrückt. Für T’an-luan, den ersten chinesischen Patriarchen, merkt sich ein Jôdo-Shinshû-Student zum Beispiel die Kanji-Kombination 顕示他力 Ken-Ji-Ta-Riki, was man grob mit „Aufzeigen der Anderen-Kraft“ übersetzen könnte.

Es gibt viele Lexika in Japan, die sich ausschließlich mit diesen „vier Kanji-Merksprüchen“ befassen, und so gibt es natürlich auch einen zusammenfassenden Spruch für Shinrans Anliegen, der sich wie ein roter Faden durch die Jôdo-Shinshû-Lehre zieht und von vielen Gelehrten unserer Schule, insbesondere von Rennyo Shônin, dem 8. Monshu, aufgegriffen und in neue Worte gefasst wurde.

Würde man also einen Inhalt verdeutlichenden Untertitel für Jôdo-Shinshû suchen, so wäre 平生業成 Hei-Zei-Gô-Jô der Richtige:
(die nachfolgenden Kanji-Deutungen sind durch ihre Komplexität nur als Annäherung zu verstehen)

平生 Hei-Zei meint das gegenwärtige alltägliche Leben, hier und jetzt.
Das Gegenteil wäre 臨終Rin-Jû, die Todesstunde, die für gewisse andere Reine-Land-Schulen von zentraler Bedeutung für die Hingeburt ins Reine Land ist.
業 Gô könnte man einerseits mit Aktivität oder Karma übersetzen, andererseits steht es für Handlung, Tat, aber auch im Sinne von Anliegen oder Sache.
Sich auf dieses 業 beziehend, spricht Rennyo immer wieder von der einzig wichtigen Angelegenheit (Ichi Daiji no Goshô), nämlich unserer Hingeburt ins Reine Land. Im Ryôgemon, unserem Bekenntnis wie auch in zahlreichen Briefen, spricht Rennyo über diese zentrale Handlung oder Angelegenheit. 成 Jô meint erreichen, im erweiterten Sinne erfüllen oder auch fertig stellen.

Zusammengefasst geht es also in dieser Kanji-Kombination um das Erreichen der [einzig wichtigen] Sache und zwar im jetzt stattfindenden Alltagsleben, nicht erst zum Zeitpunkt unseres Todes. Und diese Sache ist nichts anderes als die „Zusicherung unserer Hingeburt ins Reine Land“ und damit unsere Erlösung.
Eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit. Um dieses Geschehen deutlicher zu beleuchten, möchte ich Rennyo selbst zu Worte kommen lassen:

Darum, weil im flüchtigen Menschenleben der Tod nicht zwischen jung und alt unterscheidet, sollte sich jeder die einzig wichtige Angelegenheit schnellstmöglich zu Herzen nehmen, nämlich unsere Hingeburt – unser Leben nach dem Tod, und sich dem Buddha Amida von Grund auf anvertrauen und das Nembutsu rezitieren. (aus: Weiße Asche, Briefsammlung 5/16)

Noch deutlicher wird Rennyo in seinem 4. Brief aus der 3. Sammlung, Der Große Weise und Weltgeehrte:

...Auf welche Weise sollen wir dem Tathâgata Amida vertrauen, damit Er uns bei der einzig großen Aufgabe [in unserem Leben], unserer späteren Hingeburt hilft?
Unbeirrt soll man all die verschiedenen Übungen und sogenannten guten Werke sein lassen und einsgerichtet mit ganzem Herzen den Tathâgata Amida [um Hilfe]
Bitten und ohne zweifelndem Herzen Ihm vertrauen. Dann schickt Er den Wesen, die Ihn bitten, Sein Licht und erfasst sie bergend mit seinem Glanz.

Immer wieder ist von Vertrauen die Rede, das für unsere Hingeburt und letztendliche Erlösung die entscheidende Aktivität ist. Wenn ich hier abermals in vier Schriftzeichen einen Untertitel zum Kanji 業 Gô finden wollte, so wäre 信心決定 Shin-Jin-Ketsu-Jô, das gefestigte [ausschließlich auf Amida] vertrauende Herz, sicher eine passende Kombination. Es bleibt aber noch die Frage, wie wir auch so verblendeten Wesen dieses unumstößliche vertrauende Herz erreichen (成) und damit die für unsere Erlösung nötige Handlung erfüllen.

Als Jôdo-Shinshû-Buddhisten erfahren wir uns als von Leidenschaften vernebelte Wesen, die es nicht mehr vermögen, aus eigener Kraft (Jiriki) die Erlösung zu erlangen, geschweige denn, dieses einsgerichtete Vertrauen aufzubringen. Doch dank des Wissens um die Andere Kraft des Urgelübdes (Tariki-Hongan) dürfen wir gewiss sein, dass es Amida selbst ist, der uns dieses zu unserer Erlösung nötige vertrauende Herz (Shinjin) schenken will. Aber wie sollen wir uns verhalten, um das Geschenk Amidas empfangen zu können?

Es ist das Nembutsu, das uns fortwährend auf den Lippen liegen sollte und das im Laufe der Zeit ganz von selbst zu einem Ausdruck von Dankbarkeit wird und somit nichts mehr von einer erlösungsfördernden Tat hat, wie etwa ein Mantra. Shinran wie auch Rennyo betonten in ihren Briefen immer wieder ein komplettes Aufgeben der eigenen Erlösungsbemühungen (Jiriki), da sich diese nicht mit der durch Amida wirkenden Anderen Kraft (Tariki) vereinen lassen, so wie wir auch nicht zwei Wege gleichzeitig gehen, oder ein randvoll gefülltes Gefäß darüber hinaus befüllen können. Tariki wirkt immer zu 100%, der nichts hinzuzufügen ist, ...auch nicht 1% Jiriki.

Mit dem Nembutsu geht also ein umfassendes Loslassen einher. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass dieser Prozess nicht immer leicht ist, aber etwas sehr Befreiendes hat.

Darüber hinaus gibt es nichts zutun, außer Amida machen zu lassen: zuzulassen, wie Amida uns Vertrauen-Wünschende zum Shinjin führt...und das kann sehr individuell sein. Wie Amida uns führt, lässt sich nicht ermessen.

So wird auf ganz natürliche Weise die alles entscheidende Handlung im gegenwärtigen Leben erreicht und wir können, mit uns selbst in Frieden
- befreit von dem Druck, es selbst schaffen zu müssen, getrost voller Freude und Dankbarkeit dem Morgen entgegensehen, denn dank Amida ist bereits alles geschafft...alles erreicht. ...Namo Amida Butsu.

In der kurzen und bündigen Kanji-Kombination平生業成 Hei-Zei-Gô-Jô steckt die ganze Bandbreite shinbuddhistischen Denkens, die dem einen oder anderen eine Stütze sein mag bei der Frage nach dem eigentlichen Anliegen des Weges, den uns Shinran Shônin aufgezeigt hat.

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