Anjin-Do

Anjin-Do

Montag, 5. Juli 2010

Gestern, Heute und ?



Oya-samma, Du kommst mir entgegen und ich reiche Dir meine Hand!

Liebe Freunde im Dharma,

wie vielleicht einige von euch wissen, arbeite ich in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Wie die meisten Einrichtungen dieser Art hatten auch wir unser alljährliches Sommerfest. Eine gute Gelegenheit langjährige Kollegen und Kolleginnen wieder zu sehen, ehemalige Schulfreunde und Nachbarn zu treffen und auch den einen oder anderen Bewohner zu begegnen, mit dem man einmal persönlich in der Arbeit zu tun hatte. Da gibt es dann viel zu erzählen und man tauscht sich aus, freut sich über das gemeinsame Wiedersehen usw. Jetzt arbeite ich seit zwanzig Jahren in diesem Haus und kenne wohl die meisten Mitarbeiter-innen und natürlich auch Heimbewohner und wie jedes Jahr fehlen einige Menschen, die noch im letzten Jahr mit dabei waren. Auf die Frage nach deren Verbleib, hört man von einem Stellenwechsel,Die oder Jene hat ein Kind bekommen, aber auch das Jener oder Dieser schwer erkrankt oder bereits gestorben ist. Nun, wie in keinem Jahr zuvor ist mir dabei aufgefallen, wie sehr sich doch solche Gespräche häufen. Je älter ich werde, je mehr bemerke ich, wie die Leute , die ich schon so lange kenne, sich verändern in ihrem Aussehen, manchmal ihrem Wesen, bestimmt aber mit den Themen, mit denen sie sich heute beschäftigen. Eine Kollegin klagte mir ihr Leid darüber, das sie kürzlich ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat und sie sich seitdem die Frage stellt, was denn noch so kommt und wie viel einem dann noch bleibt. Sicherlich eine Frage, die so mancher von uns kennt und sich bereits auch schon gestellt hat. Eine Frage, die ab einem gewissen Alter so drängend wird, dass man sie kaum verdrängen kann.

„Gestern noch waren wir alle beisammen, weißt du noch vor X Jahren, kannst du Dich erinnern?“ „Das waren noch Zeiten…. und heute?“

Hier beginnt die Leidhaftigkeit mit der Erkenntnis der Vergänglichkeit. Auch wenn Tagescreme und Hautlifting darüber hinweg täuschen mögen, doch für jeden von uns kommt einmal der Tag, wo es uns bewusst wird, dass der Mensch, dem wir wiederbegegnen, ganz schön alt geworden ist, furchtbar krank geworden ist oder man ihn nicht mehr treffen kann, weil er schon gar nichtmehr unter uns weilt. Unterbewusst spüren wir dann dieses gewisse Unwohlsein, die Angst davor, es könne uns genau so treffen und das Wissen, dass es tatsächlich auch einmal so sein wird. Dieses Gefühl und Unwohlsein bestimmt unser ganzes Leben, auch wenn wir es verdrängen und zumeist nicht wahrhaben wollen. Meister Shinran sagte dazu im Tannisho Kapitel IX:

…Auch dies ist unseren Leidenschaften zuzuschreiben: Wir verlangen nicht danach, eilends ins Reine Land zu kommen, und wir fühlen uns beklommen, vielleicht zu sterben, wenn wir einmal ein bisschen erkrankt sind. Es fällt uns schwer, diese Heimat endlosen Leidens zu verlassen, in der wir seit unzähligen Weltperioden bis zum heutigen Tag umherirren und nach dem Reinen Land der Ruhe und reichen Ernährung, in das wir noch nicht hingeboren sind, können wir uns nicht sehnen……

Und nun? Was machen wir denn mit dieser Erkenntnis, die ja nicht die Unsrige ist?

Meister Rennyo sagt hierzu in seinem Brief „die Weiße Asche“:

……Darum, weil im flüchtigen Menschenleben der Tod nicht zwischen jung oder alt unterscheidet, sollte sich jeder die einzig wichtige Angelegenheit schnellstmöglich zu Herzen nehmen, nämlich unsere zukünftige Hingeburt und sich dem Buddha Amida von Grund auf anvertrauen und das Nembutsu rezitieren. Hochachtungsvoll

In der Jodo Shinshu Tradition geht es sich um das Geschenk von Shinjin, das Erlangen des vertrauenden Herzens, welches dieses Unwohlsein und diese Angst in Freude und in Dankbarkeit umwandelt. Alleine der Gedanke das Nembutsu zu sprechen, ist bereits ein Zeichen von Shinjin. Es mit wahrem Vertrauen in die Gelübdekraft Amida Buddhas auszusprechen, ist die Garantie für unsere Hingeburt ins Land der Freude.

Hierbei geht es sich nicht darum etwas Besonderes zu tun, sondern nur über das unbegreifliche Mitgefühl Amida Buddhas nachzudenken, sich seiner eigenen persönlichen Unfähigkeit zur Erleuchtung bewusst zu sein, um sich dann ganz der Kraft des Nembutsu anzuvertrauen. Der eine Augenblick, in dem dieses Vertrauen in uns aufsteigt, ist der Moment, wo unsere Angst und Hoffnungslosigkeit aufhört (Anjin). Nicht erst im Reinen Land, nicht erst Morgen oder sonst in ferner Zukunft, sondern heute - hier und jetzt! Die Befreiung von Angst und Zweifel ist das große Geschenk Amida Buddhas an uns - SHINJIN, für dieses heute erlebte Leben und darüber hinaus.


Namu Amida Butsu

In Gassho
Euer Chisho

Keine Kommentare: