Anjin-Do

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Dienstag, 6. Juli 2010

Kein Mittelpunkt des Ganzen



Liebe Freunde im Dharma,

Am morgen klingelt der Wecker und man schaltet das Licht an. Noch verschlafen geht man ins Bad und richtet sich für den Tag, indem man Toilette und Dusche und Körperpflegeprodukte benutzt. Wir alle halten es für normal, dass der Bäcker die Brötchen für das Frühstück bereithält und auch die Bahn, die mich zur Arbeit bringt, pünktlich den Bahnsteig verlässt. Um es kurz zu machen, über den Tag verteilt nutzen wir so unendlich viele Dinge, die uns ganz selbstverständlich vorkommen. Strom, Wasser, Lebensmittel und Dienstleistungen sind in dieser modernen Zeit so gegeben, dass es nur auffällt, wenn die Bahn einmal Verspätung hat oder der Stromausfall bei einem Fußballspiel für so manchen Fan ein Grund für eine kleine Lebenskrise ist und man sich maßlos ärgert. Aber auch bei der Arbeit, in der Gemeinde, im Urlaub -alles was unser Leben ausmacht, ergibt sich ja nur im Zusammenspiel von unendlichen Faktoren. Meistens glauben wir, dass jeder Einzelne von uns der Mittelpunkt dieses Universums ist. Wir glauben die Dinge haben so zu sein, wie wir es für uns wünschen und gestalten und um einmal ehrlich zu sein, schließlich bezahlen wir ja auch dafür!

Dabei ist diese Vorstellung, man würde sein Leben selbstbestimmt gestalten, nicht ganz so wahr ist. Ohne all die anderen Menschen, wie der Bäcker, der Lockführer usw., was wäre dann mit unserer Selbstbestimmtheit? Selbst das Wasser aus dem Wasserhahn oder der Strom aus der Steckdose wird, von wem auch immer, produziert und zur Verfügung gestellt. Wir sind nicht der Mittelpunkt des Ganzen, denn ohne die "anderen" Mittelpunkte, wäre unsere Vorstellung von der eigenen Wichtigkeit völlig absurd. Ohne das Zusammenspiel der Gemeinschaft, aber auch der Natur in der wir alle leben, was wären wir denn dann ? Jeder und alle sind auf einander angewiesen und alles steht in der Abhängigkeit zu einander. Gerade in der heutigen Zeit erleben wir das mit der Klimaveränderung. Da haben so viele menschliche Mittelpunkte dieses Universums ihrem unendlichen Drang nach Selbstverwirklichung nachgegeben, dass Wetterkapriolen dazu beitragen, uns zu zeigen, wir unwichtig wir doch alle sind. Aber, es bedürfte viel weniger als diese drastischen Erlebnisse. Ein jeder kann sich einmal bewusstmachen, dass ohne die Anderen, der Strom aus der Steckdose fehlen würde. Kein buddhistischer Blog oder Sanghabrief würde jemals erscheinen, kein Buch würde geschrieben, keine Dharmarede würde gehalten werden - ohne die Anderen, die daran mitwirken. Keine gemeinsame Andacht würde je stattfinden, weil es ohne den Anderen auch keine Sangha gäbe. Was immer wir auch sind, sind wir nur im Zusammenspiel mit dem, was mich/uns und jeden leben und sein lässt. Sich daran zu erinnern und Dankbarkeit hierfür zu empfinden, lässt die eigene vermeindliche Wichtigkeit sicher etwas weniger werden.


in Gassho
Euer Chisho

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