Anjin-Do

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Dienstag, 17. August 2010

Yo no naka annon nare

Der fünfzehnte August dieses Jahres ist der 65. Jahrestag des Kriegsendes in Japan, das zugleich das Ende des Zweiten Weltkrieges darstellt. Noch heute sind die Wunden dieses fürchterlichen Krieges nicht verheilt. Während in Deutschland die letzten Kriegsverbrecherprozesse stattfinden, klären sich in Japan erst jetzt die Schicksale vieler japanischer Soldaten auf, die in russischer Gefangenschaft starben. Noch heute sprechen die Opfer der Atombombenabwürfe über ihre Erinnerungen und ihre oft lebenslangen Leiden. Aber die junge Generation von heute ist die letzte, die die Augenzeugen noch direkt befragen kann.

Was können wir lernen? Dass der Krieg als Mittel, um staatliche Ziele durchzusetzen, schrecklich ist. Dass überhaupt der Wunsch, über andere Völker regieren zu wollen, sie in irgendeiner Weise übervorteilen zu wollen, eigennützig ist und schlimmste Folgen nach sich ziehen kann.

Rein äußerlich hat die Menschheit etwas gelernt und die Geschichte hat ein gutes Ende genommen: Aus dem heißen Krieg ist ein kalter geworden, und selbst der kalte Krieg ist längst beigelegt. Aber geht es nicht auch heute noch darum, andere Menschen zu übervorteilen? Herrscht nicht im Stillen ein erbitterter Kampf um Ressourcen und Absatzmärkte? Atmen nicht japanische und deutsche Autobauer auf, wenn ihre amerikanische Konkurrenz Marktanteile verliert – und umgekehrt? Wird nicht an den Universitäten in Japan, Korea und sicherlich auch in Deutschland ein gnadenloses Konkurrenzdenken gelehrt: jeder möchte am Ende eine Stelle bei den großen Konzernen, die die eigentlich Mächtigen in der globalisierten Welt sind. - Ein gespenstisches Rennen hat begonnen, in dem keiner zurückfallen will.

Der Buddhismus setzt diesem kopflosen Gerenne seit alters die Lehre entgegen, dass man das Denken an Sieg und Niederlage aufgeben solle (vgl.: Dhammapada Vers 4 und 5). Er lehrt die Gleichheit (j. byōdō) aller Wesen, die trotz aller karmisch bedingten Ungleichheit besteht.

In den Reinen-Land-Sūtren wird sie symbolisch ausgedrückt: während die „Unreinen Länder“ als Welten vorgestellt werden, in denen es einen Weltberg Sumeru gibt, auf dem - ganz hierarchisch gedacht – je nach Höhenstufe unterschiedlich hohe Gottheiten anzutreffen sind, gibt es einen solchen Berg im „Reinen Land“ nicht (T.270a12). Die Wesen des Reinen Landes sind in diesem Sinne einander gleich.

Die Ungleichheit der Menschen – ihre Verschiedenheit und Einzigartigkeit, um ein schöneres Wort zu gebrauchen – muss man akzeptieren, aber das heißt nicht, dass man es zulassen oder gar fördern sollte, dass der eine den anderen übervorteilt. Die politische Lehre des Weltkriegs ist dies in Bezug auf die Nationalstaaten: kein Land sollte sich zum Herrscher über das andere aufschwingen wollen. Die politische Aufgabe unserer Zeit scheint es hingegen zu sein, dies auf die kleineren Einheiten unterhalb des Staats anzuwenden, denn ein darwinistischer Verdrängungskampf zwischen Konzernen oder gar Privatpersonen wird am Ende auch niemandem nützen. Hierzu ist Nachdenken und Besonnenheit in allen Teilen der Gesellschaft nötig.

In Gasshô,
Euer Marc Nottelmann-Feil.

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