Anjin-Do

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Montag, 22. November 2010

Denken


Denken ist bekanntlich Schlafes Bruder. Wer denkt, verhält sich ganz regungslos. Manche Leute schließen sogar die Augen und man weiß nicht, ob sie überhaupt mit etwas beschäftigt sind. Weil das Denken so ganz ohne Rechenschaft und Nachweis geschieht, weil es keine unmittelbaren Resultate vorweisen kann - man muss schon selbst denken, um diese überhaupt zu erkennen - steht es in unserer Zeit nicht hoch im Kurs. Aber ich möchte hier trotzdem eine Lanze für das Denken brechen.

Wenn man nachdenkt, hält man für einen Augenblick an. Man nimmt sich sozusagen aus der Weltgeschichte heraus. Was man dann sieht, ist die Momentaufnahme der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Eigentlich ist ja der Tod Schlafes Bruder. Aber den sehen wir gar nicht, weil wir in der Zeit stehen. Wir surfen gleichsam auf der Welle der Zeit, ein Ding treibt uns zum nächsten. Wir rennen herum und verfolgen tausend Absichten. Am Ende geht es, wenn wir ehrlich sind, hauptsächlich darum, das Leben genießen: schönes Essen, schöne Reisen, bitte schön! auch schöne Gedanken.

Es spielt eigentlich keine Rolle, auf welche Weise wir den Tod übersehen: ob wir wie so manche japanische Hausfrau die neuesten Koch-Rezepte für das Aller-Mitteilenswerteste halten, oder ob wir uns tagaus tagein mathematische Modelle ausdenken wie Sir Stephen Hawkings, der jüngst öffentlich äußerte: „Man kann die Welt ohne die Gotteshypothese erklären“ (An welcher Stelle eines physikalischen Modells sollte die Metaphysik denn auftauchen und vor allem: wie?)

Der Mensch, so bemerkte Pascal einmal, tut das meiste, nur um den Tod nicht sehen zu müssen. Darum braucht er immer das Außerordentliche und Neue, er verlangt nach immer neuen Reizen. Heutzutage könnte man sagen: der Mensch, der den Tod nicht sehen will, ist der Verbraucher. Ob in Shanghai, Bangkok oder Köln – überall sehen wir diesen Typ Mensch herumlaufen. Der Verbrauch hat globale Maßstäbe angenommen. Wir sind gewissermaßen schon Weltverbraucher.

Aber was passiert, wenn der Einzelne - dieser kleine Mensch - sein eigenes Leben verbraucht hat? Wenn er erkennt, dass nun gar nichts mehr kommen kann? Wird sein Leben dann unbrauchbar? Kann er sich selbst abschreiben? Oder stirbt er gar als offenes Fragezeichen?

Das Nachdenken über den Tod hat viel mit der Würde des Menschen zu tun. Der November ist in Deutschland der Monat der Todesgedenktage. Gedenken gibt Anstoß zum Denken. Auch das Hōonkō-Fest ist ursprünglich aus einem Gedenktag entstanden. Vielleicht regt es uns an, einen Moment anzuhalten, eine Frage zu stellen und eine Antwort zu hören.

Euer Marc Nottelmann-Feil.

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