Anjin-Do

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Sonntag, 15. Mai 2011

aus "Die Lehre Buddhas"

Erstes Kapitel

DIE WIRKUNGEN DER URSACHEN

I.

DIE VIERFACHE EDLE WAHRHEIT


1. Die Welt ist voller Leiden. Von Anfang an besteht das Leben aus Leiden. Altersschwäche ist Leiden, Krankheit und Tod sind Leiden. Einem Menschen voller Haß gegenüberzutreten ist Leiden, von einem geliebten Menschen getrennt zu werden ist Leiden, vergeblich zu kämpfen, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist Leiden. Kurzum: Leben, das nicht frei ist von Begierde und Leidenschaft, bringt immer Leiden mit sich. Dies wird die Wahrheit des Leidens genannt.

Die Ursache des menschlichen Leidens liegt zweifellos in den irdischen Leidenschaften. Wer nach Wurzel aller Leidenschaften sucht, findet sie in dem Begehren nach Befriedigung lebensnotwendiger Triebe. Triebhafte Wünsche, die von einem starken Lebenswillen gespeist werden, richten sich auf alles, was begehrenswert er scheint. Mancher Wunsch beinhaltet selbst den Tod. All dies wird die Wahrheit der Leidensursache genannt.

Wenn die Wurzel jeder menschlichen Leidenschaft entfernt wird und man von aller Begierde frei ist, dann wird alles menschliche Leiden ein Ende haben. Dies wird die Wahrheit der Leidenserlöschung genannt.

Wer diesen Zustand erreichen will, muß einem vorgeschriebenen Pfad folgen, nämlich dem Pfad der Rechtmäßigkeit. Er betrifft rechtmäßige Ansichten, Gedanken, Reden, Verhaltensweisen, Lebensführung, Bemühungen, Erinnerungen und geistige Sammlung. Dies wird die Wahrheit des achtfachen Pfades zur Überwindung irdischer Wünsche genannt.

Menschen sollten sich stets nach diesen Wahrheiten richten, denn wer dieser Welt voller Leiden entkommen will, muß sich von Fesseln der irdischen Leidenschaft lösen, welche ja die einzige Ursache des Leidens ist. Eine Lebensweise, die von jeder irdischen Leidenschaft und jedem irdischen Leiden frei ist, kann nur durch die Erleuchtung kennengelernt werden; die Erleuchtung aber erlangt nur, wer den achtfachen Edlen Pfad einhält.

2. Wer Erleuchtung sucht, muß diese vierfache Edle Wahrheit verstehen. Ohne ihr Verständnis wird man unendlich lange in dem verwirrenden Irrgarten hoffnungsloser Wünsche umherwandern. Wer die vierfache Wahrheit des Lebens versteht, von dem spricht man als einem "Menschen, der die Augen der Erleuchtung erworben hat."

Man soll mit ganzem Herzen Buddhas Lehre folgen, deshalb seine Sinne auf diese vierfache Edle Wahrheit richten und versuchen, sich über ihre Bedeutung Klarheit zu verschaffen. Zu allen Zeiten ist nur der ein wahrer Wanderer auf dem Edlen Pfad, der diese Wahrheit versteht und sie anderen lehrt.

Wenn ein Mensch die vierfache Edle Wahrheit klar versteht, dann wird ihn der Edle Pfad von seinen Begierden abbringen; er wird nicht mehr mit anderen Menschen streiten, keine Lebewesen ohne Grund töten, nicht stehlen, nicht mehr Sklave seiner Leidenschaften sein, nicht betrügen, nicht verleumden, nicht schmeicheln, frei von Neid sein, stets Gleichmut bewahren und an die Vergänglichkeit des Lebens denken. Auf diese Weise wird er nie vom Pfade abkommen.

3. Dem Edlen Pfad zu folgen, ist so, als ob man einen dunklen Raum mit einem Licht in der Hand betritt; die Dunkelheit vergeht, und der Raum wird hell.

Menschen, welche die Bedeutung des Edlen Pfades kennen und gelernt haben, ihm zu folgen, besitzen das Licht der Weisheit, das die Dunkelheit des Unwissens vertreibt.

Buddha leitet die Menschen, indem er sie nur auf die vierfache Edle Wahrheit hinweist. Wer diese richtig versteht, wird die Erleuchtung erlangen. Er wird fähig sein, in dieser verwirrenden Welt andere zu leiten und zu unterstützen. Wenn die vierfache Edle Wahrheit klar erkannt ist, werden alle Quellen der irdischen Leidenschaft versiegen.

Gehen die Schüler Buddhas von dieser vierfachen Edlen Wahrheit aus, dann werden sie auf diesem Weg zu allen anderen kostbaren Wahrheiten gelangen. Sie werden die Weisheit und Tugendhaftigkeit erwerben, um alle Bedeutungen zu verstehen, und sie werden allen Menschen überall auf der Welt den Dharma predigen können.

II.

DIE WIRKUNGEN DER URSACHEN


l. Alles Menschliche hat seine Ursachen, doch es gibt einen Weg zur Überwindung der Leiden. Denn alles auf der Welt ergibt sich aus einem großartigen Zusammenspiel von Ursachen und Wirkungen, und alles erlischt, wenn diese Ursachen sich ändern und vergehen.

Regen fällt, Wind weht, Blumen blühen, Blätter welken und werden verweht. Diese Ereignisse stehen miteinander in Wechselbeziehung, wobei eines die Ursache von dem anderen ist.

Die Geburt eines Kindes geht auf die Zeugung zurück. Sein Körper wird durch Nahrung, sein Geist durch Lernen und Erfahrung gestärkt.

Deshalb sind sowohl Körper als auch Geist abhängig von bestimmten Bedingungen und werden verändert, wenn diese Bedingungen wechseln.

So wie ein Netz aus vielen miteinander verflochtenen Fäden besteht, so ist alles in dieser Welt miteinander durch eine Vielzahl von Fäden verbunden. Wer glaubt, daß eine Masche im Netz eine unabhängige Einheit sei, der irrt sich.

Alle Maschen eines Netzes sind miteinander verbunden, jede Masche hat ihren Platz im Netz und ihre Bedeutung für alle übrigen Maschen.

2. Blüten kommen durch eine Vielzahl von Bedingungen zustande, die das Blühen bewirken; Blüten er blühen nicht ohne Ursachen, auch ein Blatt fällt nicht von selbst. So ist alles im Kommen und Gehen. Nichts bleibt unverändert.

Alle Änderungen hängen von vielerlei Bedingungen ab. Daher besteht die feste Gewißheit, daß sich alles stets ändert und nichts unverändert bleibt.

III.

DIE KETTE DER VERURSACHUNGEN


1. Wo ist nun der Ursprung alles menschlichen Gram, alles Betrübnis, allen Schmerzes und aller Kümmernis zu suchen? Ist er nicht in der Tatsache zu finden, daß Menschen im allgemeinen unwissend und von Wünschen und Begierden abhängig sind?

Sie verfolgen beharrlich Lebensziele wie Wohlhabenheit und Ruhm, Bequemlichkeit und Vergnügen, Aufregung und Eigennutz, unkundig der Tatsache, daß der Wunsch gerade nach diesen Dingen der Ursprung des menschlichen Leidens ist.

Von Anfang an ist die Welt voller unglückseliger Ereignisse gewesen, ganz abgesehen von den unvermeidbaren Tatsachen wie Krankheit, Siechtum und Tod.

Wer all diese Tatsachen sorgfältig betrachtet, muß zu der Überzeugung kommen, daß die Grundlage allen Leidens Unwissenheit und Abhängigkeit von selbstsüchtigen Wünschen ist. Werden diese beseitigt, dann wird auch das menschliche Leiden erlöschen.

Habgier zeigt sich in Unkenntnis und falschen Wahrnehmungen.

Diese finstere Unwissenheit und falschen Wahrnehmungen ergeben sich aus der Tatsache, daß die Menschen die Vergänglichkeit des Lebens nicht bedenken und den wahren Grund für die Abfolge der Ereignisse nicht kennen.

Finsterer Unkenntnis und falschen Wahrnehmungen entspringen unlautere Wünsche nach Zielen, denen die Menschen rastlos und blind nachjagen, obwohl diese für sie unerreichbar sind.

Wegen dieser falschen Wahrnehmungen und unlauteren Wünsche glauben die Menschen Unterschiede zu sehen, wo es in Wirklichkeit keine Unterschiede gibt. Eigentlich kann man die Gegebenheiten im menschlichen Leben nicht nach richtig und falsch einteilen. Doch stellen sich die Menschen aufgrund ihrer Unwissenheit solche Unterscheidungen vor und beurteilen sie als richtig oder falsch, dies alles aus finsterer Unkenntnis und wegen unlauterer Wünsche.

Wegen ihrer Unwissenheit denken Menschen immer in der falschen Weise und verlieren immer den richtigen Standpunkt, indem sie sich an ihr vermeintliches Ich klammern und falsch handeln. So verlieren sie sich in einem Meer von Täuschungen.

Die Menschen bestellen das Feld des Ego mit ihrer Sündhaftigkeit, indem sie durch ihre Tätigkeiten den Keim legen, um den Verstand mit Unwissenheit zu umwölken, ihn mit dem Regen unlauterer Wünsche düngen, und ihn mit der Schwäche des Ego bewässern. Hierdurch verstärken sie noch die Vorstellung des Bösen und verkörpern die Verblendung durch sich selbst.

2. In Wahrheit ist der Körper der Verblendung ihr eigener Verstand, und deshalb ist es ihr eigener Verstand, der die Verblendungen des Kummers, der Klage, des Schmerzes und der Todesangst verursacht.

Die ganze Welt der Verblendung ist nichts als der Schatten, der von dem menschlichen Verstand geworfen wird. Und dennoch ist es dieser selbige Verstand, durch den sich die Welt der Erleuchtung offenbart.

3. In dieser Welt gibt es drei falsche Auffassungen. Wenn man sich an ihnen festhält, dann wird alles in dieser Welt nur noch verneint.

Einmal meinen manche, daß jede menschliche Erfahrung auf höherer Fügung beruht. Wieder andere meinen, daß alles in der Welt von Gott geschaffen und von seinem Willen gesteuert wird. Schließlich meinen einige, daß alles durch Zufall zustandekommt.

Wenn alles durch höhere Fügung entschieden wird, dann sind gute wie auch böse Taten vorherbestimmt, ebenso Freud und Leid; nichts geschieht, was nicht zuvor schon feststand. Dann würden auch alle menschliche Pläne und Bemühungen um Verbesserung und Fortschritt vergeblich sein, und die Hoffnung auf Menschlichkeit wäre vergebens.

Dasselbe gilt auch für die anderen Auffassungen: Würde letztlich alles in Gottes Hand liegen, oder dem blinden Zufall überlassen bleiben, müßte das Bemühen um Menschlichkeit dann nicht sinnlos sein? Es ist kein Wunder, daß Menschen, die diesen Vorstellungen verhaftet sind, alle Hoffnung verlieren und ihre Bemühungen vernachlässigen, weise zu handeln und Böses zu vermeiden.

Gewiß sind alle diese drei Auffassungen falsch: Alles in der Welt ist eine Aufeinanderfolge von Ereignissen, wobei eines die Ursache des anderen ist, und diese Ursachen lassen sich in einem gewissen Maße verändern und steuern.

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BUKKYO DENDO KYOKAI
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