Anjin-Do

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Freitag, 27. Mai 2011

Im Vorbeigehen

Von Marc Nottelmann-Feil

Wer die shin-buddhistische Zufluchtnahme – Kikyoshiki – gemacht hat, weiß, dass es sich um eine ganz kurze Zeremonie handelt. Sie ist in kaum zehn Minuten abgeschlossen. Viele Leute, die diese Kikyōshiki erhalten haben und so „offiziell“ zu Shin-Buddhisten geworden sind, denken bald kaum noch darüber nach, sie scheint in ihrer Erinnerung fast keinen Eindruck zu hinterlassen. Neulich drückte das ein Mitglied mir gegenüber mit den Worten aus: „Die Kikyōshiki habe ich damals auch so im Vorbeigehen gemacht.“

Was tun wir eigentlich nicht so im Vorbeigehen? Je nachdem, wo wir stehen, erledigen wir unsere verschiedenen beruflichen und familiären Pflichten. Jeder von uns hat Dinge, die er im Alltag außerordentlich ernst nimmt. Diese Dinge halten uns auf Trab. Bald rennen wir nur noch rum, weil wir irgendetwas zu erledigen haben, was wichtig ist. Selbst Leute, die das Glück haben, ihre Zeit frei gestalten zu können, haben meist keine Zeit. Und wer Geld und Zeit hat, ist in der Regel ständig auf Achse.

Die Situation erinnert mich sehr an die Geschichte vom Kissen von Kantan. Sie ist oft erzählt worden, von Zeami, Yukio Mishima und anderen. Ich habe sie sogar einmal von einem tibetischen Lama gehört. Aber jeder erzählt sie anders und ich würde sie so erzählen:

Ein Reisender muss unbedingt ins südliche China. Seine Handelspartner warten auf ihn, es gilt wichtige Verträge abzuschließen. Vollkommen erschöpft erreicht er die kleine Ortschaft Kantan und bittet in einer Pension um Unterkunft. Gedankenlos gibt er der Wirtin die Anweisung, für ihn eine Tasse Tee zu kochen, er selbst begibt sich auf sein Zimmer, legt sich kurz hin und starrt auf die Decke. Dann wird ihm klar, dass er gar keine Zeit hat, er eilt zur Wirtin zurück, sagt, er habe sich anders entschlossen, setzt sich auf sein Pferd und reitet davon.

In Nanking trifft er seine Geschäftspartner, man vereinbart ein Seehandelsgeschäft ins Ausland. Das Geschäft wirft erstaunliche Gewinne ab, bald ist der Reisende so reich, dass er eine Familie gründen kann. Sein Geschick im Handel macht ihn nach und nach zu einem der reichsten Kaufleute in Nanking. Der Hof wird auf ihn aufmerksam. Er wird zum Geldgeber des Kaisers und schließlich zu dessen Finanzminister. Der Kaiser hält große Stücke von ihm, und auch umgekehrt ist er einer der getreusten Vasallen.

Doch dann fällt eine feindliche Armee ins Land ein. Die kaiserliche Armee wird geschlagen, der Kaiser flieht. Während sich die feindlichen Truppen schon dem Palast nähern, stürmt ein Diener in das Zimmer des Ministers. Er hält ihm eine randvoll gefüllte Schale vor die Nase und fleht ihn an: „Trink dieses Gift! Es ist das einzige, was der Kaiser noch für dich tun kann. Die Feinde kommen. Du hast keine Zeit mehr zu verlieren!“ Verzweifelt setzt der Minister die Schale an den Mund. Wie konnte das passieren? Warum trifft ausgerechnet ihn, der sein ganzes Leben für die Zukunft seiner Familie und seines Landes aufgeopfert hat, dieses Schicksal?

Er trinkt. In diesem Augenblick steht die Wirtin vor ihm und fragt höflich, ob sie die Tasse Tee neben ihn stellen soll.

Bei Zeami endet das No-Spiel mit dem Ausruf des Reisenden: „Ich nehme Zuflucht zu den drei Juwelen!“ und der Chor antwortet: „Das Leben ist nur ein Traum. Kehre heim aus dieser Ortschaft Kantan!“ -

Zum Buddha nimmt man nicht im Vorbeigehen Zuflucht, sondern genau umgekehrt: man tritt aus dem Vorbeigehen heraus, indem man Zuflucht nimmt.

Die Kikyoshiki ist nichts Besonderes. Sie ist keine Attraktion, die unsere Sinne fesseln würde. Sie vermittelt auch keine tiefe Erfahrung, wie man sie vielleicht auf einem Meditationsretreat oder im Gespräch mit buddhistischen Meistern erreichen kann. Aber sie soll uns zum Nachdenken veranlassen. Man denkt z.B. über den Tod nach, denn der Dharmaname den man erhält, ist in erster Linie ein Name für die Verstorbenen. Es ist unser Name im Reinen Land und wir dürfen uns sogar vorstellen, dass es der Name ist, unter dem wir einst Buddha werden.

Die Kikyōshiki ist außerdem so kurz, weil jeder (auch jeder Japaner und jede Japanerin!) die Gelegenheit haben soll, sie unmittelbar vom Monshū oder dem zukünftigen Monshū zu empfangen. Mathematiker haben einmal ausgerechnet, dass wir von jedem lebenden Menschen nur fünf Handschläge entfernt sind. Wenn ich A kenne und A B kennt usw. so lässt sich bis zur Stufe F jeder beliebige Mensch auf der Welt erreichen. Und nun überlege man sich einmal, dass man als Shin-Buddhist in der Kikyōshiki der Familie Shinrans begegnet. Dies alles geschieht natürlich nicht, weil der Monshū ein Heiliger ist, der uns von unseren Problemen erlöst oder uns anleitet, wie wir sie selbst optimal lösen können. Vielmehr sollen wir in dieser Zeremonie den engen Zusammenhang zwischen allen Menschen und unsere besondere Beziehung zu Shinran Shōnin und der buddhistischen Lehre spüren. Wenn man in einem von den Ursprungsländern des Buddhismus so entfernten Land wie Deutschland geboren ist, kann man über diese Begegnung nur staunen. Es ist auch ein Grund zu Dankbarkeit.

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