Anjin-Do

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Mittwoch, 20. Juli 2011

Shinran Shônin und sein Verständnis des Buddhismus




Shinran Shônin wurde 1173 in Hino, einem Vorort von Kyôto geboren. Er entstammte einem Seitenzweig der berühmten Familie Fujiwara, die aber zu seiner Zeit schon ihren Niedergang erlebte. Seine Mutter starb, als er acht Jahre alt war. Sein Vater zog aus all diesen Umständen die Konsequenz und wurde buddhistischer Mönch. Auch der neunjährige Shinran von seinem Onkel ins Kloster gebracht. Die Legende weiß aber, dass der damalige Abt die Ordination wegen der fortgeschrittenen Stunde auf den nächsten Morgen verschob. Der kleine Shinran war damit unzufrieden und schrieb auf einen blühenden Kirschbaum, der vor dem Tempeltor stand, das folgende Gedicht :

Myônichi ari to omou kokoro no adasakura yohan ni kaze no fukanu mono kawa

(Denk ich im Herzen an Morgen:
Werden die vergänglichen Kirschblüten
Nicht schon in der Mitte der Nacht
vom Wind hinweggeweht sein?)

Zwanzig Jahre lang verbrachte Shinran in dem wohl wichtigsten Zentrum des japanischen Buddhismus seiner Zeit, dem Hauptkloster der japanischen Tendai-Schule auf dem Berg Hiei. Mit größtem Eifer unterzog er sich der buddhistischen Übung und dem Studium. Dabei spürte er immer tiefer die große Differenz zwischen der Lebenswirklichkeit der buddhistischen Mönche und der eigentlichen buddhistischen Lehre. Die buddhistischen Mönche seiner Zeit waren Teil eines Staats im Staate, denn die buddhistischen Klöster verfügten auf ihren Territorien über Rechtshohheit, Leibeigene und sogar über eine eigene Armee. Aber war das Sinn und Zweck des Mönchtums?
Shinran sah den Mangel nicht nur in den äußeren Umständen. Er erkannte sich als Kind seiner Zeit und er wusste, dass deren Probleme in ihm selbst steckten. Darum scheiterte er, wenn er zu sich ehrlich war, an den "zehntausend Übungen", die auf dem Berg Hiei gelehrt wurden, darum war er zu keiner Verwirklichung fähig.

Voller Verzweiflung über sich und sein Zeitalter, in dem die buddhistische Übung offenbar nicht mehr möglich war, verließ er mit 29 Jahren den Berg Hiei, um in einem kleinen Kannon-Tempel in Kyôto über "die zukünftigen Leben" nachzudenken. Am fünfundneunzigsten Tag offenbarte ihm die Welterlösenden Kannon, dass er sich an Meister Hônen wenden solle.

Hônen Shônin lehrte damals am Stadtrand von Kyôto vor einer großen gemischten Anhängerschaft, bestehend aus Mönchen und Laien, Männern und Frauen aller Schichten, die Anrufung des Namens des Buddha Amida. Fünf Jahre Lang gehörte Shirnan zum engsten Schülerkreis Hônens und lernte von ihm den Buddhismus der anderen Kraft bis ins letzte Detail. Zeit seines Lebens hat er sich niemals für mehr als einen einfachen Schüler Hônens gehalten.

Hônens Nembutsu-Bewegung war in ihrer Offenheit eine Herausforderung an die alten Eliten. 1207 – Shinran war inzwischen 35 Jahre alt – wurde sie vom kaiserlichen Hof verboten, ihren klerikalen Anhängern wurde der mönchische Status von staatlicher Seite aberkannt. Hônen wurde nach Sanuki und Shinran nach Echigo verbannt. Beide sollten sich nie wiedersehen.

In Echigo gab Shinran das Mönchstum auf und heiratete. Fortan bezeichnete er sich als "dummen Kahlkopf" (Gutoku), der "weder Mönch noch Laie" sei.
Nach seiner Begnadigung siedelte sich Shinran mit seiner Familie in der Provinz Hitachi in Ostjapan an (Die Region liegt heute im Norden des Großraums von Tôkyô). Hier widmete er sich mit großem Eifer und außerordentlichem Erfolg dem Aufbau einer Nembutsu-Gemeinde im ländlichen Raum.

Seine Rückkehr in die alte Heimat mag viele seiner Anhänger überrrascht haben: Mit siebzig Jahren verließ Shinran Ostjapan und ließ sich in Kyôto nieder, wo er sich ganz der schriftstellerischen Arbeit widmete. 1247 war sein in chinesischer Sprache verfasstes Hauptwerk vollendet, das Kyôgyôshinshô. Es folgten zahlreiche Schriften, die er für die einfachen Anhänger, in einfacher japanischer Silbenschrift schrieb, darunter die Japanischen Hymnen (Wasan), die heute bei Andachten oft rezitiert werden. In den letzten zwanzig Lebensjahren blieb Shinran vor allem schriftlich mit seinen Anhängern in Kontakt. Dies war im Nachhinein ein Segen, denn so entstanden nach uund nach jene Werke, die bis heute das geistige Fundament der Jôdo Shinshû bilden.

Im hohen Alter von 90 Jahren starb Shinran. Seine Anhänger errichteten ihm ein Grabmal in Kyôto, das sich im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte zu einer Pilgerstätte, dem Honwanji-Tempel entwickelte.


Shinrans Lehre nimmt ohne Zweifel eine Ausnahmestellung innerhalb der Lehren des Buddhismus ein. Es wird oft als befremdlich empfunden, dass Shinran die buddhistische Meditation und die mönchische Regel aufgegeben hat: wie sollte man seine Lehren da noch als buddhistisch bezeichnen? Aber dieser Eindruck ist oberflächlich. Eher sollte man sagen, dass Shinran den gesamten Buddhismus auf einen einzigen Punkt bringt: das Nembutsu, die Anrufung des Buddhanamens. Dabei gründet seine Lehre ausschließlich auf den buddhistischen Sutren, und nicht – wie manchmal gemutmaßt wird- auf lokalen Einflüssen. (Dem einheimischen Shintoismus steht sie sogar außerordentlich fern.)

Shinran denkt die spirituelle Entwicklung des Menschen radikal von Seiten des Buddha, die eigene Kraft des Menschen hat keinen Anteil daran. Erst wenn der Mensch all seine Kalkulationen, alle Manipulation und alle Versuche, das Heil für sich oder andere zu erzwingen, aufgibt, ist er imstande, sich ganz der anderen Kraft des Buddha zu überlassen. Höchster Ausdruck des Sich-Anvertrauens ist das Denken an den Buddha (Nembutsu) in Form der Anrufung seines Namens (shômyô). Selbst hier ruft eigentlich der Buddha. Der Mensch hört diesen Ruf nur und erwidert ihn reflexartig, wobei der Ruf, das Vertrauen und die Gewissheit der Hingeburt zusammenfallen

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