Anjin-Do

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Freitag, 19. August 2011

Buddhismus der anderen Kraft


Auszug von "Amidas Mitgefühl"
Vortrag zum Mitgliedertreffen 2009 von Marc Nottelmann-Feil

Nicht der Mensch kommt zum Buddha, sondern der Buddha kommt zum Menschen. Dies ist der wichtigste Aspekt des gesamten Amida-Buddhismus. Dabei gibt es für das Kommen des Buddha allerdings eine Schwierigkeit: der Mensch erkennt den Buddha nicht, da er sich in einem verblendeten Zustand befindet (j. bonnōshō), der gar nicht zulässt, Dinge zu sehen, die über das menschliche Maß hinausgehen.
Das gewöhnlicheWesen - auf japanisch: Bonbu - zieht in seinem Denken gleichsam alles auf seine eigenes Niveau herab. Stünde der Buddha in Person vor einem Bonbu, so würde dieser einfach „Guten Tag!“ sagen und weitergehen.
In der Geschichte aus dem Vimāna-Vatthu geschieht genau das nicht. Obwohl der Brahmanensohn im Hass auf den Buddha erzogen ist, erkennt er ihn sogleich als Buddha und ist wegen seinem Kommen sofort „im siebten Himmel“.Warum bleibt er diesem safrangelb gekleideten Mönch gegenüber nicht gleichgültig oder ruft sogar verärgert aus: „Der hat mir gerade noch gefehlt“?

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Der Buddha hat vorausgesehen, dass der Brahmanensohn sich freuen würde, sonst hätte er sich die Begegnung sparen können. Die Freude ist damit aber noch nicht begründet. Sie muss nach buddhistischer Lehre an den in der Vergangenheit gesammelten Verdiensten des Brahmanensohnes liegen, an die der Buddha nun anknüpfen kann. Aber wie ist es überhaupt möglich, dass der Brahmanensohn Verdienste
aus der Vergangenheit besitzt? Wenn man sich seinen gegenwärtigen Zustand ansieht, kann man kaum glauben, dass dieser Bonbu auf diese Begegnung in irgendeinem Sinne „hingearbeitet“ haben sollte. Er ist bis jetzt bloß in Samsara hin- und hergekurvt wie ein Blinder, der auf dem Jahrmarkt Autoskooter fährt.
Wie sind diese Verdienste also entstanden? Die Antwort lautet: Wenn es nicht Zufall war (und Zufall gibt aus der Perspektive eines Buddha nicht), so muss ihnen irgendeine Form vonWissen zugrunde gelegen haben. Und wenn der Bonbu ein solches Wissen von Anfang an nicht besitzt, so müssen seine Verdienste(j. shukuen) unter der Regie eines Wissenden zustande gekommen sein, d. h. irgendeines Buddha (der Vergangenheit). Nicht der Bonbu stellt also einen langfristigen „Erlösungsplan“ für sich auf. Es ist nicht das Kalkulieren (j. hakarai) von Seiten des gewöhnlichenMenschen, das die Befreiung letztlich erwirkt,
sondern das Kalkulieren von Seiten des Buddha (bzw. der Buddhas).
Diese letzten Gedanken findet man natürlich nicht mehr explizit in einem Text des Pālikanons wie dem Vimāna-vatthu. Sie stellen eine Verschärfung, eine Radikalisierung des Buddhabildes gegenüber dem frühen Buddhismus dar, die ich beinahe als dasMarkenzeichen des Amida-Buddhismus bezeichnen
möchte, denn hier kommt die Andere Kraft ins Spiel. Es irrt der Mensch, solang er strebt….

Der Mensch glaubt, dass er alles aus eigener Kraft schaffen kann, und spricht zu sich: „Ich gehe meinen Weg zur Buddhaschaft“. Aber die Buddhaschaft ist kein Ziel wie das Bauen und Refinanzieren eines Hauses, ihr liegt eine ganz andere Dimension zugrunde, und darum lässt sich nichts forcieren: Niemand geht den Weg
zur Buddhaschaft! – Wenn man überhaupt eine personhafte oder genauer gesagt dualistische Redeweise wählen will (und solange wir bloß kontemplativ nachdenken und die menschliche Sprache verwenden, können wir das nicht vermeiden), dann ist es der Buddha, der geht. Alles wird in diesem Sinne vom Buddha geschenkt. Im Japanischen spricht man vom „Großen Gehen“ bzw. der „Großen Übung“ des Buddha (j. daigyō), im Gegensatz zum „Nicht-Gehen“ (j. higyō) des Menschen. Der Mensch, so heißt es,
soll alles Denken an die eigene Kraft aufgeben und sich ganz der Anderen Kraft des Buddha anvertrauen.

Dies geschieht nach dem Ratschlag vieler japanischer Meister am besten in der einfachsten und törichtsten Form, nämlich als bloße Anrufung des Namens Amidas. (Dieses sogenannte shōmyō nembutsu wird übrigens nicht wie ein Mantra abgezählt, denn es ist ja keine Übung.)

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