Anjin-Do

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Samstag, 17. September 2011

Der Hongwanji



Der Hongwanji ist der Haupttempel der Jôdo Shinshû in Kyôto. (Hongwanji ist die traditionelle Schreibweise. Oft liest man inzwischen Honganji)

Ursprünglich gab es in Kyôto nur wenige Anhänger des Shin-Buddhismus. Aber der Familie Shinrans gelang es im Lauf der Zeit, das Grabmal Shinrans zu einer Pilgerstätte und schließlich zu einem bedeutenden Tempel auszubauen. Aus dem Amt des Grabpflegers wurde das Amt des Monshû, des Oberhaupts der Schule. Selbst der heutige (24.) Monshû ist noch ein direkter Nachfahre Shinrans.

Rennyo Shônin, dem achten Monshû, ist es zu verdanken, dass der Shin-Buddhismus zur anhängerreichten buddhistischen Schule aufstieg. Er war ein begnadeter Briefeschreiber und Motivator, der den Shin-Buddhismus mit sicherer Hand durch eines der düstersten Zeitalter der japanischen Geschichte, die späte Muromachi-Zeit steuerte.

Nachdem der Hongwanji mehrmals Opfer von bewaffneten Überfällen durch Mönche anderer Schulen geworden war, ließ Rennyo an einer strategisch günstigen Stelle, wo sich heute die Burg von Ôsaka befindet, einen befestigten Tempel errichten. Dieser sogenannte Ishiyama-Hongwanji war für Jahrzehnte ein Machtfaktor in Japan. In 1580ger Jahren, als die Klosteranlagen auf dem Berg Hiei von dem brutalen Kriegsherrn Oda Nobunaga zerstört und tausende Mönche getötet wurden, trotzte der Ishiyama Honganji sogar einer 10jährigen Belagerung. Am Ende vereinbarte man allerdings freien Abzug für die Verteidiger und der Tempel wurde geschliffen.

Diese weiche Lösung war aber nicht im Sinne aller. Kyônyo, der älteste Sohn des damaligen Monshû Kennyo, hatte sich energisch für eine Fortsetzung der Belagerung ausgesprochen und war deshalb von seinem Vater enterbt worden. Nach Kennyos Tod nutzte das Shôgunat diesen Konflikt in der Gründerfamlie aus und spaltete die Jôdo Shinshû, indem es es Kyônyo kurzerhand einen eigenen Haupttempel, den heutigen Östlichen Hongwanji (Higashi Hongwanji), schenkte.

Bis heute ist diese Spaltung der Schule, obwohl sie nur auf einem Politikum beruhte, das sich seit Jahrhunderten erübrigt hat, niemals überwunden worden. Beide Tempel liegen nördlich des Hauptbahnhofs von Kyôto und sind nur zwei Kilometer voneinander entfernt. Auf den ersten Blick sind sie - zumindest für den westlichen Besucher - zum Verwechseln ähnlich. Erst gründlichers Hinblicken auf die Details enthüllt zahlreiche Unterschiede, z.B. in der Liturgie. Außerdem haben beide Tempel eine eigene akademische Tradition ausgebildet: Zum Westlichen Hongwanji (Nishi Hongwanji) gehört die Ryûkoku-Universität und zum Östlichen die Ôtani-Universität.

v. Marc-Nottelmann-Feil

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