Anjin-Do

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Montag, 30. April 2012

zum Ryōgemon


Einige Erklärungen zum Ryōgemon
von Marc Nottelmann-Feil

Rennyo Shōnin, der oft als Restaurator der Jōdo Shinshū oder sogar als ihr zweiter Gründer bezeichnet wird, ist ein Autor, der scheinbar leicht zu lesen und zu verstehen ist. Jeder hat sich schnell ein Bild über Rennyo zurechtgelegt, aber wie realistisch ist es eigentlich?
Rennyo hat ausschließlich kurze Texte verfasst, sein ganzes Werk besteht aus Gelegenheitsschriften. Nirgendwo entfaltet Rennyo einen Gedanken über mehrere Seiten und geht ihm in allen seinen Einzelfällen und Auswirkungen nach. In der Kürze fasst er zusammen, scheut die Vereinfachung nicht und beschränkt sich aufs Wesentliche. Zum Abwägen oder Argumentieren ist niemals Platz. Dadurch wirken seine Texte so apodiktisch und alternativlos. Man versteht sie auf Anhieb, aber man kann kaum mit ihnen „arbeiten“: es gibt einfach kein Material, das man von einer anderen Stelle des Textes herbeizitieren könnte, um die Bedeutung eines Ausdrucks an einer bestimmten Passage aufzuklären.
Darum schreibt jeder munter über Rennyo, so wie er ihn gerade – auf Anhieb! -verstanden hat, und das was man dann liest, sagt vieles über die Deuter und die Ernsthaftigkeit ihrer hermeneutischen Methoden aus, aber Weniges über Rennyo.

1. Das Missverständnis des Ryōgemon als Confessio

Viele maßgebliche Leute in der Jōdo Shinshū schließen scheinbar aus dem Umstand, dass Rennyo zu seiner Zeit sehr erfolgreich war, den ganz einfachen und wenig gebildeten Schichten den Dharma zu predigen, dass Rennyos predigt auch für die westlichen Menschen geeignet sein müsste. Denn auch die westlichen Menschen besitzen ja, wenn sie der Jōdo Shinshū zum ersten Mal begegnen, in der Regel nur ein äußerst begrenztes Wissen vom japanischen Hintergrund und der sino-japanischen Schriftkultur. Dies ist aber ein großer Irrtum! Die westlichen Menschen sind nicht tabula rasa, sondern sie bringen eine hochentwickelte und den Japanern umgekehrt oft auch nur schwer verständliche Kultur in das Gespräch mit. Dieses westliche Vorverständnis ist kein Vorteil, sondern im Gegenteil ein großes Hindernis für das Rennyo-Verständnis.

Das Ryōgemon wird fast überall in der westlichen Literatur als „Glaubensbekenntnis“ oder „confession“ bezeichnet. Gerade japanische Übersetzer, die im Lexikon nach einer schönen Übersetzung für das japanische „kokuhaku“ (etwa „öffentliche Erklärung“) suchen, kennen keinen Zweifel an der Übersetzung „confession“. Aber wissen sie eigentlich, was dieses geschichtsmächtige Wort im Westen bedeutet?
Es gibt im Christentum schon seit seinen ersten Jahrhunderten das sogenannte Symbolon, d.h. Rezitationstexte, die die wesentlichen Aussagen der christlichen Lehre zusammenfassen (symballein heißt auf Griechisch „zusammenwerfen“). Meistens nennt man solche Texte heute nach ihrem ersten Wort das Credo. Aber niemand hätte sie jahrhundertelang als confessio bezeichnet.

Confessio ist eigentlich ein Begriff, der in der lateinischen Rechtssprache eine große Bedeutung gespielt hat. Im Hochmittelalter – etwa zur Zeit des Stauferkaisers Friedrich des Zweiten wurde die Rechtsprechung modernisiert, und man schaffte z.B. das mittelalterliche Gottesgericht ab. Zur Aufklärung eines Delikts gibt es prinzipiell zwei Methoden: den Indizienbeweis und das Geständnis (confessio). Tragischerweise unterschätze man lange Zeit den Indizienbeweis und hielt einen Strafbestand erst dann erwiesen, wenn auch eine confessio erfolgt war. Aus diesem Grunde wurde die Folter nun zu einem wichtigen Instrument der „Wahrheitsfindung“ (Die Folter gehört also nicht zur mittelalterlichen, sondern zur frühneuzeitlichen Rechtspflege!)

In den frühen Tagen der Reformation ging es darum, wie der Staat auf die neue Situation in der Kirche reagieren sollte: Luther stand ja 1521 vorm Kaiser und nicht vorm Papst. 1530 wurden in der Confession Augustana die Grundthesen der neuen Lehre noch einmal vorgetragen. Der Kaiser reagierte mit einer Confutatio, womit er zum Ausdruck brachte, dass die vorgetragenen Thesen aus seiner Sicht einen Strafbestand darstellten. Erst der Augsburger Religionsfrieden von 1555 brachte die berühmte Einigungsformel „Cuius regio, eius religio“. Jeder Landesfürst entschied nun über die confessio seines Landes und vor allem darüber, wie mit den Strafbestand, einer anderen confessio zugehörig zu sein, umzugehen sei. In meiner eigenen Heimatstadt Ellwangen z.B. wurde bis 1804 jeder, der nicht-katholischer confessio war, ausgewiesen.

Natürlich ist heute die Freiheit der confession grundrechtlich gewährt. Trotzdem ist confessio etwas ziemlich Leeres. Es ist genau genommen nur das, was der Staat mithilfe eines Formulars vom Bürger erfragen kann. Man stelle sich ein Blatt vor, auf dem gewisse Glaubensaussagen (Dogmen) aufgelistet sind, und der Bürger jeweils aufgefordert ist, Ja oder Nein anzukreuzen. Alle Meinungsumfragen zum Thema Religion sind in ihrem Wesen nach confessio. Die wirkliche, gelebte Religion kann sich darin nicht abbilden. Paul Tillich hat darum recht, wenn er drauf hinweist, dass confessio (er nennt es belief) nicht dasselbe wie Glaube (faith) sei.
Konfessionen spalten die Menschheit, denn sie gehen aus einer Klassifierungsidee hervor. Sie drängen dazu, sich zur einen oder anderen Partei zu „bekennen“. Der Glaube muss diese trennende Eigenschaft nicht haben: selbst Menschen unterschiedlicher Religionen können in ihrem Glauben (in ihrer gelebten Religiosität) einander sehr ähnlich sein, und sie können sich dieser inneren Ähnlichkeit auch bewusst sein, obwohl sie ganz und gar Anhänger der einen oder anderen Religion bleiben.

Wenn man zum Ryōgemon den Titel „confession“ hinzuerfindet, unterstellt man Rennyo, er habe von seinen Anhängern die Zustimmung zu bestimmten religiösen Glaubensvorstellungen verlangt. Im schlimmsten Falle unterstellt man ihm, er habe mit diesem Text bewusst das eigene Bekenntnis gegen das der anderen buddhistischen „Konfessionen“ in Position bringen wollen. So etwas Ähnliches vermuten wir Europäer ja ohnehin von einem „Restaurator“ (um den Begriff „Reformator“ einmal mühselig zu umgehen). – Allerdings ist das reine Fantasie, denn die gesamte erzählte Geschichte hat mit Japan nichts zu tun. Das Unglück der Konfessionalisierung der Religion ist ein Moment der Geschichte, das Japan nicht mit Europa teilt.

2. Die vier Punkte der Selbstkontrolle

Das Ryōgemon ist eine „öffentliche Erklärung“ (kokuhaku), die in einer Art Bußzeremonie vorgetragen wird. Nur einmal im Text findet sich explizit ein Personalpronomen, nämlich warera (wir), weshalb Roger Minor sich (vielleicht zu Recht, wenn auch im Gegensatz zu den meisten anderen Übersetzern) entschieden hat, das ganze Ryōgemon in der ersten Person Plural vorzutragen. Jedenfalls scheint die Rezitation dieses Textes die (zumindest ideelle) Anwesenheit einer Gemeinschaft vorauszusetzen. Darin besteht der Öffentlichkeitscharakter des Ryōgemon.

Der Text dient der Selbstüberprüfung des eigenen Verständnisses (j 領解ryōge) von der Lehre, damit natürlich auch einem „Umkehren und Bereuen“ (j 改悔 gaike). Es sind vor allem die Priester, die diesen Text vor der Gemeinde vortragen, von ihnen wird es verlangt, diesen Text auswendig zu können. Gerade ein Priester (oder eine Priesterin) soll sich also dieser Selbstprüfung unterziehen.

Die Selbstüberprüfung geschieht in vier Stationen: Nachdenken über 1. das friedvolle Herz (j. 安心 anjin) 2. Dankbarkeit (j.報謝hōsha) 3. die Güte der Lehrer (j.師恩shion) 4. die Richtlinien (j. hatto 法度)

a) Anjin
Rennyo sprach statt von shinjin (vertrauensvollem Herz) gerne von anjin (friedvollem Herz). Im vorliegenden Absatz werden beide Begriffe nicht genannt, sind aber zweifelsohne das Thema:

Das Herz der Eigenkraft aller zerstreuten Taten und Übungen gebe ich auf und bitte mit ganzem Herzen den Tathāgata Amida, dass er uns bei der einzig wichtigen Sache dieses Lebens, der künftigen Geburt, helfen möge.

Shinran schreibt in der Nachschrift zum Kyōgyōshinshō (VI, §118) “I, Gutoku Shinran, disciple of Sakyamuni, discarded sundry practices and took refuge in the Primal Vow in 1201.” (然愚禿釋鸞。建仁辛酉暦。棄雜行兮歸本願。T.83 Nr.2446 642c19) Shinran selbst hat im Kyōgyōshinshō auseinandergesetzt, was er unter „zerstreuten Taten und Übungen“ versteht (VI, §36), aber seine Erklärungen sind so abstrakt, dass sie beinahe unverständlich sind.
Rennyo hat diese Shinran-Passagen offensichtlich aufgegriffen und auf seine Weise zusammenzufassen versucht. Er übernahm Shinrans Formulierung „ die zerstreuten Taten wegwerfen“, ergänzte sie aber durch einen entscheidenden Zusatz. Rennyo schreibt, man müsse “das Herz der Eigenkraft aller zerstreuten Taten und Übungen“ aufgeben, keinesfalls rät er dazu, man müsse die zerstreuten Taten und Übungen selbst aufgeben.

Unter „zerstreuten Taten“ versteht man eigentlich alle Taten, nicht rein zur Hingeburt ins Reine Land führen. Es gibt eine ganze Reihe von guten Taten, die sogar in den Reines-Land-Sūtren selbst empfohlen werden, die aber trotzdem zu den zerstreuten Taten gerechnet werden müssen. Im Betrachtungs-sūtra z.B. (341c8 ff) werden die drei glückbringenden Pfade erklärt – eine kurze Zusammenfassung von Dingen, die eigentlich selbstverständlich zur Lebenspraxis eines Buddhisten dazugehören sollten: die liebevolle Pflege der Eltern, die Zufluchtnahme, das Regelhalten, Sutrenrezitieren usw. Trotzdem sind auch dies „zerstreute Taten“. Denn, wenn man davon ausginge dass sie Voraussetzung für die Hingeburt sind, würde man den Sinn des Grundgelübdes verfehlen. Hōnen sagt an einer Stelle, der Buddha habe das Grundgelübde abgelegt, damit auch Menschen, die hartherzig gegenüber ihren Eltern sind, ins Reine Land geboren werden.

Rennyo erkannte offensichtlich, dass Shinrans Aussage „Ich habe die vermischten Taten verworfen“, wenn man sie auf diese ganz alltäglichen Bestandteile der buddhistischen Praxis bezieht, überspitzt und übertrieben wäre. Shinran wollte sagen, dass er die äußerst harten Übungen eines Tendai-Mönchs aufgegeben hatte, aber nicht, dass er sein ganzes spirituelles Leben im weiteren Sinne nun auf die Nembutsu-Rezitation beschränkt hatte.
Wir wissen nicht, wie die spirituelle Praxis von Shinran konkret aussah, nachdem er 1201 „die vermissten Taten und Übungen“ aufgegeben hatte und Hōnens Schüler geworden war. Auf jeden Fall hat Shinran bis ins hohe Alter viele Texte abgeschrieben und kalligraphiert. Er hatte immer etwas, was er seinen in der Ferne lebenden Schülern schenken konnte. Dies ist auch eine Übung, die man auf Japanisch shakyō nennt (Sūtrenkopieren).

Ganz sicher gehörte auch das Sutrenrezitieren zu Shinrans Lieblingsübungen. Wenn man das Kyōgyōshinshō liest, staunt man über Shinrans Fähigkeit, Querverbindungen zwischen Sūtren herzustellen. Natürlich ist sie nicht vom Himmel gefallen, sondern er hat sie sich erarbeitet. Es ist eigentlich albern zu glauben, dass Shinran nur die drei Reines-Land-Sūtren rezitiert haben sollte. Ein Brief seiner Frau Eshin-ni berichtet, er sei einmal krank gewesen und habe sich ganz in die Sūtrenrezitation hineingesteigert. Vermutlich sah er die Sūtrenrezitation und Sūtrenkopieren als einfachere Tätigkeiten an, die er sich für Phasen der Krankheit und körperlicher Schwäche aufsparte. Bei dieser Gelegenheit übertrieb aber Shinran, bis er plötzlich innerhielt und sich selbst überprüfte: war dieser Eifer nicht wieder aus dem Herz der Eigenkraft entstanden? – Shinran brach die Übung ab, legte sich ins Bett und wurde –wie seine Frau schrieb, bald gesund.
Menschen, die glauben, sie müssten ständig irgendetwas machen, um das Seelenheil zu erlangen, um die Zukunft der Jōdo Shinshū zu sichern oder was auch immer, sind stets unruhig: sie haben kein friedvolles Herz.
Es gibt hunderte Sachen, die man tun könnte. Viele Leute sind unablässig damit beschäftigt, irgendetwas zu verbessern – meistens sind es ganz alltägliche Dinge: durch die man Steuern spart, der Computer schneller läuft usw. Rennyo macht deutlich, dass es diesmal im Leben letztendlich nur auf eine Sache ankommen sollte: sich ganz und gar dem Buddha anzuvertrauen.

Die Selbstprüfung beinhaltet hier auch sich zu fragen, ob man sich nicht in den vielen „verschiedenen Taten“ verliert, ob man die „eine große Sache“ nicht schon wieder übersieht.

b) Hōsha
Ich weiß: im ersten Augenblick, da ich dies bitte, ist mir seine Hilfe gewiss und meine Hingeburt steht fest. Jede weitere Anrufung seines Namens spreche ich aus Freude und Dankbarkeit über seine Gnade.

Das Nembutsu geschieht nicht aus eigener Kraft zu einem Zweck, sondern ist Akt der Dankbarkeit. Die Freude beim Nembutsu entspringt dem Vertrauen (shinjin).
Auch das ist Teil der Selbstprüfung: Weiß ich noch, dass in dem ersten Augenblick des Vertrauens alles schon geschehen ist oder bin ich schon wieder am Grübeln, ob ich denn alles richtig mache? Spreche ich das Nembutsu eigentlich noch mit Freude oder ob es schon ätzende Routine geworden? Woran liegt es, wenn ich es ohne Freude spreche?

c) Shion
Ich weiß: dass ich diese Wahrheit hören kann, verdanke ich der Gnade, dass [unser] Schulgründer Shinran Shōnin in der Welt erschien, und der Gnade der tiefen Belehrung durch gute Freunde, die [diese Wahrheit] von Generation zu Generation überlieferten.

Hören und Sprechen sind beim Nembutsu in gewisser Weise gleichzeitig. Das Hören kommt aber von Seiten anderer Menschen. Das ganze kann man vielleicht der Impulsübertragung durch eine Reihe von einander berührenden Kugeln vergleichen. Der erste Anstoß kommt vom Buddha, für jede Kugel ist das Gestoßen werden und Weitergeben dasselbe. Darum kann gar kein Gedanke an eigener Kraft aufkommen.
Rennyo ist Nachfolger Shinrans und natürlich betont er hier die Traditionslinie der Monshu, die hier im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Dennoch ist die Passage nicht als Werben Rennyos um Vertrauen zu seiner Person und die von ihm vertretenen Organisation misszuverstehen. Rennyo spricht diese öffentliche Erklärung ja selbst aus. Auch er ist seinen guten Freunden dankbar und nirgendwo steht, dass diese eine besondere Qualifikation hatten, also das, was wir im Deutschen als „Meister“ bezeichnen, waren. Jeder Mensch kann ein „guter Freund“ sein, wichtig ist allein, dass die „guten Freunde“ voneinander der Reihe nach die Lehre empfangen. Nur weil die guten Freunde schon da sind, kann ein Mensch wie ich, der Buddha Shākyamuni nie begegnet ist, von der Lehre hören.

d) Hatto
Außerdem möchte [hiermit] erklären, dass ich den [praktischen] Regeln, die [für ein solches Leben] bestimmt sind, mein ganzes Leben lang folgen werde.

Das Wort okite „Gesetz, Regel, Satzung, Statut“ ist auf eigenartige Weise nicht-buddhistisch. Das Zeichen kommt in der ganzen Sūtrenliteratur und auch bei Shinran kein einziges Mal vor (sic!). Dreizehn der insgesamt 33 Textbelege aus dem gesamten Taishō-Kanon finden sich in Rennyo-Biographie „Go-ichidaiki-kikigaki“. Das Wort ist sozusagen ein Rennyoscher Spezialausdruck, genauer gesagt: Rennyo selbst scheint es nur selten gebraucht zu haben, aber man redete in Rennyos Umgebung von okite.

In der 21. Anecdote aus dem Go-ichidaiki-kikigaki sagt Rennyo: „It will be good if you speak out after attaining shinjin. You should not engage in idle talk. Explain well to others the importance of the One Mind“This was his remark to Kūzen.“ – Hier steht im japanischen Original an der Stelle von remark okite. Wenn Rennyo den Mund auftat, so war das für seine Mitwelt schon okite. – Hier zeigt sich der Patriarch.

In der 43. Anekdote gibt Rennyo aus gewissen Gründen die Anweisung, das diesmal keine Besucher zur Hōonkō-Zeit im Honganji übernachten sollten. Hier steht für Anweisung wieder okite. In der 46. Anekdote gibt Rennyo einen Dharma-talk und die Anwesenden halten seine Instruktionen (okite) für sehr inspirierend. Zum letzten Mal wird das Wort okite im Go-ichidaiki-kikigaki im Abschnitt Nr. 75 gebraucht. Er enthält nur einen Ausspruch Rennyos: „The school founded by Shinran Shōnins based on Amida Tathāgata direct exposition.“ Im Original steht für „direct exposition“ okite.

Diese Beispiele für den Sprachgebrauch zeigen, dass unter okite Anweisungen zu verstehen sind, die ein bedeutender Dharmalehrer wie Rennyo gibt. Es sind Lebensregeln die man aus einer Dharmapredigt ziehen kann, aber auch ganz praktische Anweisungen, die für das Funktionieren der Gemeinde unerlässlich sind.

In den ersten beiden Absätzen erklärt Rennyo das vertrauensvolle Herz und das Wesen der Anrufung. Das sind fundamentale Lehren der Jōdo Shinshū, die für die Hingeburt relevant sind. Die Aussagen der beiden letzten Abschnitte über die Dankbarkeit gegenüber den guten Freunden und das Beachten der Anweisungen, haben aber sicherlich keine Relevanz für die Hingeburt. Sie definieren aber in gewisser Weise, was einen guten Anhänger der Jōdo Shinshū ausmacht. Hier zeigt sich Rennyo als der große Gemeindeorganisator.

Einige abschließende Bemerkungen über Rennyo

Rennyo ist ohne Zweifel ein Patriarch gewesen- eine Erscheinung, wie man sie sich in unserer Zeit nicht mehr vorstellen kann. Zu seiner Zeit, die ein chaotisches Zeitalter der Unsicherheit war, muss er den Menschen wie ein sicherer Hafen erschienen sein. Die Menschen sehnten sich nach einer Führerpersönlichkeit, die klare Anweisungen gab und auf die man sich verlassen konnte.

Andererseits wissen nur wenig darüber, wie Rennyo gepredigt hat. Nur Weniges ist mitgeschrieben worden, was eher darauf hinweist, dass es sich um sehr lebendige, wenig „akademische“ Predigten handelte. Ein von Prof. Matsuo zum Hōonkō-Seminar 2010 aufgebrachte Mitschrift einer Rennyo-Predigt zeigt Rennyo als Diskutierenden im Gespräch mit einem Schüler namens Dōsai aus Kanegamori. Im Vergleich zu diesem „wahren“, predigenden Rennyo sind Rennyos Briefe und auch das Ryōgemon gleichsam nur Thesenpapiere.

Professor Matsuo gelang es darüber hinaus, wie mir schien, recht überzeugend nachzuweisen, dass Rennyo eine sehr liberale Haltung einnahm gegenüber Formen der Amida-Verehrung, die noch stark von Selbstkraft-Vorstellungen durchdrungen waren. Selbst in den kurzen Texten, die er hinterlassen hat, gehen Rennyos Formulierungen oft an die äußersten Grenzen dessen, was man noch als Religion der Fremdkraft bezeichnen kann. Rennyos Haltung war offensichtlich, möglichst alle Leute irgendwie in Kontakt mit dem Buddha Amida zu bringen. Die Haltung der Eigenkraft, dachte er wohl, schleift sich im Verlauf der spirituellen Entwicklung von selbst ab.

Diese Liberalität ist von Rennyos anderer Tätigkeit zu unterscheiden und darf nicht gegen sie ausgespielt werden. Als Rennyo das Amt des Monshū übernahm, fand er die Jōdo Shinshū in einem desolaten Zustand vor, in dem jeder sein eigenes Süppchen kochte. Alles war irgendwie der Tendai-Schule (und anderen buddhistischen Schulen) entlehnt, aber es gab keine einheitlichen Maßstäbe. Überhaupt war wenig klar, was die Jōdo Shinshū selbst für das religiöse Leben ihrer Anhänger als besonders günstig empfand und empfahl.

Hier schaffte Rennyo Ordnung. Er veranlasste, dass die Altäre einheitlich gestaltet wurden, wählte Texte aus, die nun vor dem Altar zelebriert werden sollten, sogar das „Namu Amida Butsu“ ist erst durch Rennyo Shōnin zur Hauptvariante des Nembutsu geworden.

Manchmal wird die Vereinheitlichung der Altarordnung Rennyos, da sie natürlich mit der Abschaffung vieler Buddhastatuen und der ausschließlichen Fokussierung auf Amida einherging, als ikonoklastischer Akt gedeutet. Auch das ist so ein westliches Missverständnis. Wir sehen in Rennyo ein buddhistischen Karlstadt, der in einem buddhistischen Tempel randaliert und Kannonstatuen in den Ofen wirft – einzig und allein weil es so gut in unser Bild von „Rennyos Zeitalter“ passt. Aber es ging Rennyo ausschließlich darum, der Jōdo Shinshū ein einheitliches Gesicht zu geben. Die Leute sollten Maßstäbe haben für das, was eine in der Jōdo Shinshū übliche Praxis ist.

Ich habe oben darauf hingewiesen, dass wir gar nicht so genau wissen, wie Shinran Shōnins eigene religiöse Praxis aussah. Erst Rennyo und seine unmittelbaren Nachfolger setzten hier klare Maßstäbe für die Praxis (wobei sie sich natürlich, soweit es möglich war, an Shinran orientierten). Fast alles, was man heute in einer Shin-buddhistischen Priesterausbildung lernt, dürfte erst von Rennyo und seinen Nachfolgern so festgesetzt worden sein. Dahinter steckt die Einsicht, dass eine Religionsgemeinschaft – zumindest bis zu einem gewissen Grade einheitliche Formen benötigt. Auch die Liturgie spricht ja – ohne weitere rationale Erklärungen - für sich, und sie verträgt eben nur ein gewisses Maß an „Dialekten“. Als Stifter (oder zumindest wesentlicher Impulsgeber) der Liturgie ist Rennyo wirklich der zweite Gründer der Jōdo Shinshū.

(Übrigens haben viele andere Schulen des japanischen Buddhismus etwa im Zeitalter Rennyos auch einen „Restaurator“, der Liturgiefragen usw. neu regelte.)

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