Anjin-Do

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Montag, 9. Juli 2012

Erinnerungen an den Shin - Tempel in Berlin


von Prof. Takeo Ashizu

1961 war ein unvergessliches Jahr für die Berliner. Am Morgen des 13. August wurde die Verkehrsverbindung zwischen Ost- und Westberlin durch die ostdeutsche Regierung einseitig abgeschnitten. In nur wenigen Tagen wurde entlang der Grenzlinie die berüchtigte Mauer erbaut. Vorher, im März desselben Jahres, als die Zeitungen täglich über die Massenflucht der Ostdeutschen in den Westsektor der Stadt berichteten, brachte der TAGESSPIEGEL eine kurze Notiz, welche wahrscheinlich der Aufmerksamkeit der meisten Leser entging:

„ Buddhistische Kapelle! „
„ Kürzlich wurde in der Brentano Straße 53, Nähe Breitenbachplatz. eine buddhistische Kapelle errichtet. Bisher befand sich dort ein Lebensmittelgeschäft. Anhänger der Jodo-Shinshu Tradition, des japanischen Reine Land Buddhismus, treffen sich dort nun regelmäßig. Zusammen mit dem Buddhistischen Tempel in Frohnau und der Kapelle in Lübars hat die Berliner Buddhistische Vereinigung, deren Mitgliederzahl ungefähr 400 Personen umfasst, nun einen dritten Versammlungsplatz. „ (20.3.61)
Der Buddhistische Tempel in Frohnau im Norden Berlins war von Dr. Paul Dahlke (gestorben 1928) erbaut worden, und seit 1958 im Besitz der Ceylonesischen Buddhistischen Gemeinschaft. Ich wusste sehr wenig über die Kapelle in Lübars, aber ich bin sicher, dass sie auch den Singhalese Theravada Buddhisten gehörte.

Der 16 Mai war der Tag, auf den die Berliner Shin Anhänger so lange gewartet hatten. Reverend Piepers Anstrengungen hatten ihren Traum von einem eigenen Versammlungsplatz Wirklichkeit werden lassen. Der Tempel lag in einer Straße mit Geschäften und einem Friseur gleich nebenan. Es war ein kleines Gebäude mit nur einem Raum, ungefähr 20 qm groß, ausgestattet mit ca. 20 Stühlen. In der Mitte eine kleine Statue von Amida Buddha und im Hintergrund hing eine Schriftrolle von Shinran Shonin. An der Einweihungszeremonie, die um 8 Uhr abends begann, nahmen zehn Personen teil. Ich war der einzige japanische Anwesende. Nachdem buddhistische Musik von einer Kassette gespielt worden war, die der Nishi Hongwanji Tempel in Kyoto geschickt hatte, wurde das Shoshinge in Japanisch gesungen und eine Shin – Andacht nach deutschem Ritus gehalten. Dann folgten Reverend Piepers Grüße und ein Dharmagespräch. Nach der Zeremonie wurde bekanntgegeben, dass nun regelmäßig Andachten an jedem 2. und 4. Sonntag früh abgehalten werden. Studien- und Gesprächsgruppen sollten jeden 1. und 3. Freitag im Monat am Abend stattfinden. An jenem Abend traf ich zwei führende Mitglieder der Vereinigung: den 70- jährigen Rechtsanwalt Oskar Neumann und Karl Heinz Kupfer, den Eigentümer eines Buchladens.

( Anm. Karl – Heinz Kupfer war Ehrenmitglied der Jodo Shinshu Gemeinschaft im Shin-Do- Tempel in Bad Reichenhall. )

Ich war von Oktober 1960 bis März 1962 in Berlin. In dieser Zeit bekam ich die Möglichkeit, mittels eines Stipendiums der deutschen Regierung, meine Forschung über die deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin zu betreiben,. Da ich, ein Priester des Nishi Hongwanji, gleichzeitig einen Lehrstuhl an der Universität in Kyoto hielt, beauftragte mich der damalige Abt Lord Kosho Ohtani Kontakt mit Reverend Pieper und Mitgliedern seiner Gruppe aufzunehmen. Es wurde mir gesagt, ich solle ihnen jede erbetene Hilfe zukommen lassen. So überbrachte ich Reverend Pieper auch eine Nachricht von Kosho Ohtani, welcher ihn für das folgende Jahr nach Kyoto einlud, um als Repräsentant der Europäischen Shin Vereinigung an der 700- Jahrfeier zum Tode von Shinran Shonin teilzunehmen.

Am 23. Oktober 1960, kurz nach meiner Ankunft in Berlin, stattete ich Reverend Pieper meinen ersten Besuch in seiner Wohnung in Steglitz ab. Als ich ihm die Nachricht Kosho Ohtanis übermittelte, drückte er seinen Dank für die Einladung aus, lehnte aber aus zwei Gründen ab: Erstens erlaubte ihm seine Arbeit als Dolmetscher bei der amerikanischen Armee keine Abwesenheit während der Zeit in der die Gedenkfeierlichkeiten stattfinden sollten, und zweitens konnte er aufgrund seiner schwachen Gesundheit keine längere Reise unternehmen. Meine Versuche ihn doch noch zur Annahme der Einladung zu überreden, blieben fruchtlos. Es dauerte nicht lange, bis ich einen dritten Grund für seine Ablehnung herausfand. Er hatte die Absicht einen Shin -Andachtsraum einzurichten. Dazu war er auf der Suche nach einem passenden Gebäude, das er mieten wollte. Er versuchte Geld für diese Idee aufzubringen, immer in der Hoffnung diesen ersten Shin Treffpunkt in Europa im Frühling des kommenden Jahres, zeitgleich mit den Feierlichkeiten in Kyoto, eröffnen zu können. Einem Mann von aufrichtigem Vertrauen und voll Verantwortlichkeit, wie Reverend Pieper einer war, schien es wichtiger zu sein einen Tempel, wie klein auch immer er sein mochte, in Berlin einzurichten, als sich selbst als Ehrengast in Kyoto feiern zu lassen.

Die Erinnerung an den kleinen Shin - Tempel in der Brentanostraße und an diejenigen, welche sich dort zusammenfanden, blüht wieder auf wenn ich die Seiten meines Tagebuches zurückblättere:

„“ 9 April 1961 Sonntag): Schön. Nach drei -wöchigem Herumreisen in Westdeutschland begab ich mich zum sonntäglichen Treff, erstaunt, den Tempel voll mit Leuten anzutreffen. Da waren über ein Dutzend Besucher aus Hamburg, angeführt vom Präsidenten der Hamburger Buddhistischen Vereinigung. Reverend Pieper war wegen Krankheit abwesend, also begrüßte Herr Neumann die Gäste. Ich rezitierte das Amida Sutra und hielt einen improvisierten Dharma - Vortrag. „“
„“14 Mai 1961 (Sonntag): Nur 5 Personen waren während des Meetings anwesend. -- am Nachmittag ging ich zum buddhistischen Tempel in Frohnau, wo die Vesakh Feier abgehalten wurde. Mehr als hundert Leute überfluteten die Halle, einschließlich der Botschafter von Ceylon und Thailand. ---- Höchst erstaunt über die herrliche, im indischen Stil gehaltene Halle und einem großen Garten. Unser Shin -Tempel war kein Vergleich zu diesem! „“

„“15 September 1961 (Freitag): Die Diskussionsrunde begann um 8 Uhr abends. Wir tauschten Ansichten darüber aus, wie wir 'NAMU AMIDA BUTSU' am besten übersetzen könnten, um die darin enthaltene Essenz der Shin – Lehre für Deutsche verständlich zu machen. Wir kamen zu keinem Ergebnis. „“
„“30 Sept.1961 (Samstag): Einladung in Herrn Neumanns Haus mit Rev. Pieper und Herrn Kupfer. Dank Bier und Cognac öffneten wir unsere Herzen und sprachen frank und frei miteinander. Gemeinsam war ihnen eine gewisse Unzufriedenheit mit der christlichen Lehre, welche sie zum Buddhismus geführt hatte. "Wie"? führte Rev. Pieper aus, „konnte der Gott der Liebe sich wandeln zu einem Gott des Zorns im Christentum? Der Buddhismus dagegen betont nachdrücklich Buddhas absolutes Mitgefühl.“ „Innerhalb derselben buddhistischen Lehre, sind wir jedoch auch nicht ganz zufrieden mit dem Theravada Buddhismus, welcher sich hauptsächlich auf Meditation konzentriert. Zen, auf der anderen Seite, ist zu hart für gewöhnliche Leute. Die einzige Form von Buddhismus, welche wirklich für uns zugänglich ist,“ fuhr Rev. Pieper fort, "ist Jodo Shinshu. Nur sie spricht über das absolute Vertrauen in Amida Buddha."
Ich war tief beeindruckt von seinem aufrichtigen Glauben. „“

„“ 8 Dez.1961 (Freitag): Die Bodhitagsfeier fand um 8 Uhr abends statt. Auf Bitten der Mitglieder sang ich das Junirai (die 12 Anrufungen). 2 junge Mitglieder beteiligten sich aktiv. Herr B. leitete die Andacht und Herr S. rezitierte ein Kapitel aus dem Tannisho. Die ganze Feier wurde auf Band aufgenommen und so wurde mir gesagt, dieses würde an die buddhistische Gesellschaft in Wien geschickt. In der Nacht fiel die Temperatur auf 10 Grad minus. -- Ich hastete in der Kälte zurück nach Hause. „“
„“ 23 Februar 1962 (Freitag) : Ein wichtiges Treffen war angesetzt. Rev. Pieper, Herr Neumann und Herr Kupfer luden mich dazu ein. Die finanzielle Situation hatte sich verschlechtert und die Gemeinschaft war nun 600 DM in den roten Zahlen. Eine eilige Bitte um Hilfe wurde an Frau von Maltzan und die 'Doitso Nembutsu Tomonokai' (Deutsche Nembutsu Freundschaftgruppe in Hawaii) geschickt. Man bat um Unterstützung des Tempels.
„“ 8 März, 1962 (Donnerstag): Vier leitende Mitglieder der Gemeinschaft gaben eine Abschiedsparty für mich in Herrn Neumanns Haus. Sie baten mich, eine Botschaft mit nach Kyoto zu nehmen.
Erstens: Es ist extrem schwierig einen Shin - Versammlungsort in Europa aufrecht zu erhalten. Die Miete, Steuern, Stromrechnungen usw. müssen aus den Beiträgen und Spenden der Mitglieder, sowie durch Spenden von außerhalb des Landes aufgebracht werden.

Zweitens: Viele Schwierigkeiten begleiten die Aufgabe SHIN in Deutschland zu verbreiten. Die meisten der Buddhisten hier gehören der Singhalese- Richtung des Theravada an. Da sie Nirvana durch Meditation zu erreichen versuchen, bedeutet Buddhismus für sie eine Religion der Philosophie und Praxis und sogar der Psychotherapie. Sie sind in gewissem Maße geistesverwandt mit der ZEN – Praxis. Aber die Nembutsu - Lehre welche das Vertrauen in Amida Buddha betont wird generell als "unbuddhistisch" angesehen. Wenn wir, was wir tun sollten, den Vertrauensaspekt hervorheben, werden uns diese Leute das widerlegen und sagen, die Christliche Lehre hat das Element des Glaubens bereits.
Drittens: Wir brauchen einen japanischen Shin – Gelehrten der Nembutsu – Lehre, der ein gutes Verständnis für europäische Kultur besitzt. Es ist unbedingt erforderlich, dass eine solche Person in Berlin lebt um uns zu führen.

Zu der Zeit, als sich die Jodo-Shinshu Vereinigung in der finanziellen Krise befand, verließ ich Berlin nach einem 18-monatigen Aufenthalt und fühlte mich schuldig, dass ich nicht fähig war, den Mitgliedern so zu helfen wie ich es mir gewünscht hätte.

Im Sommer 1970 hatte ich die Möglichkeit, Berlin wieder zu besuchen. Der Versammlungsort war von der Brentanostraße in das Kellergeschoß von Herrn Neumanns Haus verlegt worden. Herr Neumann selbst war seit einigen Jahren tot, und Herr Kupfer war nach Westdeutschland gezogen. Es war jedoch ein großes Vergnügen Herrn Dr. Valentin von Maltzan wiederzutreffen, welchen ich am Riegsee, südlich von München im Jahre 1961 kennengelernt hatte. Er sagte mir, er wäre nach Berlin gekommen, um eine Kinderklinik zu eröffnen und gleich-zeitig als Herrn Piepers Sekretär zu arbeiten. Als ich Rev. Pieper am Versammlungsort traf, überreicht er mir eine Kopie seiner deutschen Übersetzung des Shoshinge. Noch einmal, im Frühherbst 1976 besuchte ich Berlin kurz. Ich war traurig Rev. Pieper in fortgeschrittenem Alter und bei gar nicht guter Gesundheit anzutreffen. Ich ahnte jedoch nicht, dass ich ihn zum letzten Mal lebend sehen würde.

Ich besitze zwei kostbare Dinge, welche mich an Rev. Pieper erinnern. Eines ist eine Kopie des Andachtsbuches, welches er zusammen-gestellt hatte und das bei den Treffen in der Brentanostraße benutzt wurde. Das andere sind verschiedene Entwurfsblätter auf denen Teile seiner Übersetzung des Shoshinge geschrieben stehen. Am Ende der Übersetzung ist in seiner Handschrift ' Namandabu' hinzugefügt. Ich erinnere mich genau, dass am Eingang des Tempels in der Brentanostraße das erste Kapitel des Tannisho (in einer Übersetzung von Professor E. Ikeyama) hing:

„Wenn wir glauben, dass wir durch das Wunder des "Gelübdes" Amidas gerettet werden und dadurch die "Hingeburt" erreichen können, und wenn demzufolge in uns der Gedanke aufsteigt, "Nembutsu" auszusprechen, bereits dann lässt er uns die Gnade der "Aufnahme und des Niewiederverlassens" zuteilwerden.“
Dies war Shinrans Botschaft an die ganze Menschheit und ich betrachte sie als Rev. Piepers aufrichtige Botschaft an seine Weggefährten.

Namu Amida Butsu

(aus dem Englischen übertragen von Manfred Haack)

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