Anjin-Do

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Samstag, 10. November 2012

ICH ?


Liebe Dharma Freunde

Eine Frage, die in allen Traditionen eine große Rolle spielt, ist die Frage nach der eigenen Identitätsvorstellung und danach, wie wir uns von dieser leidverursachenden Vorstellung befreit werden können. Shākyamuni Buddha erklärte in seiner Darrstellung der vier edlen Wahrheiten sehr präzise, wie das Leiden in unser Leben tritt und inwieweit wir etwas dazu beitragen können, dieses Leiden zu vermindern oder zu beseitigen. In der Jodo Shinshu Tradition sind diese Aussagen genau so relevant und brennend, wie in allen anderen Schulen des Buddha Dharma und doch ergeben sich aus dessen Doktrin häufig Unsicherheiten und Fragen danach, wie wir als Jodo Shinshu Buddhisten die Sache mit der Ich-Vorstellung verstehen können.  

Nun, zunächst einmal müssen wir nach der Lehre Buddhas davon ausgehen, dass da schon jemand vor uns war, der sich vielleicht oder auch nicht, mit solchen Gedanken beschäftigt hat. Das wir überhaupt existieren und heute sind, nämlich die, die wir jetzt sind, hat seine Ursache in der Vergangenheit. Wir alle haben unzählige Male diesen Kreislauf von Leben und Tod durchschritten und stehen heute wieder im Leben, so als wäre es unser erstes Mal. Der Buddha sagt, dass dies eine Täuschung ist, die auf Unwissenheit beruht. Das Gesetzt vom bedingten Entstehen lehrt, dass die, die wir heute sind, nur so sind, weil der oder die, die vor uns waren, den Grundstein dazu gelegt haben. Nun hört sich das alles sehr persönlich an, doch eigentlich ist diese persönliche Vorstellung davon schon wieder von Unwissenheit vernebelt.

Die Personen, die vor uns gelebt haben, handelten natürlich aufgrund einer ICH-Vorstellung und begründeten also karmische Energien, die sich nach ihrem Ableben nicht einfach so auflösten, sondern welche sich wieder erneut manifestierten und heute Klaus oder Monika heißen. Auch Klaus oder Monika haben wieder eine Vorstellung davon, dass es da ein ICH gibt und wir denken, sprechen und handeln danach. Was uns dabei seltene bewusst ist, dass wir genau so oder ähnlich handeln, wie die, die vor uns waren. Nun sollten wir uns aber vor Augen halten, dass  es vor Klaus, keinen Klaus gab und nach Klaus wird es vielleicht einen Andreas, eine Claudia oder einen Manfred geben. Wer weiß?                

Nach buddhistischer Lehre setzt sich nur ein Geistkontinuum fort, welches alle karmischen Energien beinhaltet, die wir seit anfangsloser Zeit mit uns herumschleppen und unsere weiteren Manifestationen bestimmen. Energie löst sich nicht so einfach auf und verschwindet, sondern setzt sich fort und wenn die Bedingungen günstig sind oder gegeben, so manifestiert sich diese Energie erneut. Das wir daraus ein ICH machen, liegt in der menschlichen Natur. Wir nehmen durch unsere Sinnesorgane (Tore) äußerliche Reize wahr und bewerten sie naturgemäß in angenehm oder unangenehm. Wir empfinden die Dinge als gut oder schlecht, halten sie für  wahr oder unwahr usw.

Das was da wahrnimmt, nennen wir ICH, weil unser Geistbewusstsein so arbeitet. Es ist unser Denken und unser Bewusstsein, welches uns eine Persönlichkeitsvorstellung vorgaukelt und diese Welt automatisch bewertet und wahrnimmt. Also bin ICH!!!

Nun, wer wird also nach unserer Vorstellung erlöst oder befreit?                   Wenn “Ich” befreit werde, so kann doch eigentlich nur diese Täuschung einer ICH-Vorstellung befreit werden, denn rein faktisch gibt es nach den Worten des Buddhas kein ICH, oder hat der Buddha sich getäuscht?

Solange wir leben, werden wir mit dieser Ignoranz verbunden sein und jeden Tag eine sich fortsetzende ICH-Vorstellung mit uns tragen. Interessant dabei ist, dass das Ich von heute, häufig völlig anders ist, als das Ich von gestern oder von vor einem Jahr oder vor zehn Jahren. Auch wird unsere Vorstellung davon in einem oder zwei Jahren eine andere sein und doch halten wir das ICH für eine konstante Identität. Wenn sich doch alles ändernd und vergeht, wie kann denn ein ICH konstant bleiben? Ich spreche nicht davon, dass wir uns als Menschen natürlich verändern, sondern davon, dass wir glauben, dass diese Identität sich für beständig hält  bzw. die Hoffnung hat, dass es so sein wird.

Amida Buddha ist Manifestation der absoluten Wahrheit und der Soheit. Er ist Dharmakaya, die Buddha Natur oder auch Leerheit. In dieser Buddha Natur ist alles enthalten und nichts kann aus ihr herausfallen. In unserer Tradition sprechen wir vom Licht Amidas, das alles umfasst und alles durchdringt und die drei Reinen Land Sutren erzählen seine Geschichte und von seiner befreienden Gelübdekraft.  Alle Sutren sind Wegweiser, hin auf dieses Ziel, hin zur Befreiung, hin zur Realisierung, dass wir nicht vom Buddha getrennt sind. Shākyamuni Buddha gab uns diese Sutren aus Mitgefühl für jene, die sich eben nicht von einer ICH-Vorstellung selber befreien können. Darum geht es sich in der Jodo Shinshu auch nicht um diese Thematik. Shinran Shonin sagte, dass es uns nicht möglich ist dahinter zu steigen und wenn wir noch so viel darüber nachdenken und philosophieren. Namo Amida Butsu ist = ich nehme Zuflucht zu dem, was ICH nicht erfassen kann und doch mehr Realität besitzt, als meine kleine, ungenügende Vorstellung davon jemand zu sein. Diese Realität, sprich AMIDA BUTSU, wird dereinst, diese ungenügende Vorstellung auflösen und ich werde eingehen in die eine, allumfassende Natur der Buddhaschaft. Dann wird die sich fortsetzende Kette der Manifestationen auflösen und somit auch jede Vorstellung einer konstanten Identität - und doch zum Wohle aller Wesen.


Am Ende unseres jetzigen Lebens werden wir immer noch eine ICH-Vorstellung haben, doch im Reinen Land wird diese Vorstellung erloschen sein, weil es in der Soheit, die wir im Reinen Land durch das Hongan realisieren,                                 keine Ich- Vorstellung geben kann.    

In Gassho     Rev. Chisho Frank Kobs

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