Anjin-Do

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Mittwoch, 17. April 2013

Warum Religion??



Ein Pladoyer gegen das utilitaristische Religionsbild

von Rev. Jochi Marc Nottelmann

I. Religion und die Suche nach Glück

Es gibt einige Grundannahmen über das menschliche Leben, die heutzutage von fast allen Menschen geteilt werden – und zwar ziemlich unabhängig, wozu sie sich bekennen: zum Christentum oder Islam, zum Buddhismus oder Theismus, zum Agnostizismus, Materialismus oder zu esoterischem Gedankengut. Eine dieser Grundannahmen ist folgende:

Der Mensch sucht ohne Zweifel nach Glück. Dazu gehört eine Form von Sicherheit und sozialer Anerkennung, weshalb man Geld, beruflichen Erfolg und vieles andere braucht. Jenseits dieser materiellen Sicherheit möchte man auch im psychischen Bereich mit sich im Reinen sein, man möchte nicht allen emotionalen Schwankungen hilflos ausgeliefert sein, möchte sich im Griff haben, frei sein, sein Leben zu gestalten und zu planen. Die Grundannahme, von der ich spreche, ist nun, dass diese Suche nach Glück das eigentliche und letzte Ziel des Menschen ist.

Menschen mit materialistischer Lebenshaltung, die sich also keinem religiösen oder in weiterem Sinne spirituellen Gedankengut verpflichtet fühlen, wissen, denke ich, meist sehr genau, was sie erreichen wollen, worum sie sich zu bemühen haben, damit der Erfolg sich einstellt. Andererseits sind auch die Religionen nicht untätig, den Menschen vieles zu versprechen, was ihnen ganz direkt ihre Lebensqualität soll. Der Erfolg des Christentums in Südamerika, von dem man in der letzten Zeit so viel hört, wäre nicht denkbar, wenn es nicht gerade den ärmeren Schichten Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen würde. Das Extrem der Evangelikalen, die predigen, man können durch das Gebet alles erreichen, liegt dann nicht fern.

Auch in Korea, wo das Christentum gerade in den Städten die bei weitem dominante Religion geworden ist, tragen die Kirchen oft Namen wie „Osam Power Church“. Der gute Hirte, der seine Herde voll versorgt, und nicht das Kreuz ist das Symbol dieses Christentums.  Manchmal teilen solche Kirchen eine Wand mit einem schicken Autogeschäft, so dass die Vermutung nicht ferne liegt, hier beteten die Hausfrauen für die Karriere ihrer Männer bei Samsung oder LG, damit sie später in einem prestigeträchtigen Auto fahren können.

Auch wenn man Religionen gewiss nicht unterstellen kann, dass sie bloß auf diesseitige materielle Vorteile ausgerichtet sind, so scheint es sich doch mit dem „Jenseits“, das sie lehren, keineswegs grundsätzlich anders zu verhalten. Auch hier ist die Suche nach Glück offenbar das Entscheidende, wenn auch nicht in diesem Leben, so doch im nächsten.

II  Der Kompetenzverlust der Religion

Wenn man die Geschichte der menschlichen Kultur anschaut, dann stand am Anfang eine Art Einheit, und auf diese Einheit versuchen wir heutzutage mit dem Wort Religion hinzuweisen (Ich will dieses Wort gebrauchen und nicht seine Alternativen wie „spirituell“ oder ähnliches, obwohl es uns immer unverständlicher wird und wir im Alltag immer unangenehmere Erfahrungen mit ihm machen).
In den ältesten Kulturen war alles irgendwie religiös. Wer krank wurde ging zum Medizinmann, wer den rechten Zeitpunkt für die Aussaat wissen wollte, ging zu einem Priester, der sich mit dem Kalender d.h. mit den Himmelsgottheiten auskannte. Im Theater sah man Göttergeschichten, und auch das Gemeinwesen und die Rechtssprechung waren untrennbar mit der Religion verbunden. In dieser Phase der Kultur war die Suche nach dem ganz alltäglichen Glück notwendigerweise mit der Religion verknüpft, einfach weil es nichts anderes gab.

Diese ursprüngliche Einheit hat sich im Verlauf der Kulturgeschichte immer mehr aufgebläht, sie ist sozusagen wie das Universum seit dem Urknall expandiert. Alle möglichen Bereiche unserer Kultur sind früher oder später aus der Hand der Priester in die Hand von Fachleuten geraten. Die Priester sind heute nicht mehr für Meteorologie, Psychotherapie oder Juristerei zuständig. Mit Religion haben all diese menschlichen Kulturleistungen nach dem Selbstverständnis ihrer Fachleute eigentlich nichts mehr zu tun.

Der Prozess der Expansion der kulturellen Einzelbereiche ist ein Prozess, der, denke ich unumkehrbar ist, und der seit etwa dreihundert Jahren in einem immer unvorstellbarer werdenden, sich beschleunigendem Tempo stattfindet. Vor 150 Jahren verlor die Religion ihre Deutungskompetenz über die zeitliche Herkunft des Menschen: die Evolutionslehre ersetzte in der Welt der Tatsachen Adam und Eva. Gegenwärtig wackelt infolge der Entwicklungen der Genforschung und Neurobiologie vieles andere, was zum klassischen religiösen Menschenbild gehört. Damit tritt die Frage nach der Religion als der ursprünglichen Einheit immer deutlicher zutage: Braucht man die Religion noch? Ist sie überhaupt noch relevant? Unter der obigen Grundannahme kann man sogar fragen: trägt die Religion überhaupt noch zum Glück der Menschen bei, oder hat man sie durch die Einzelwissenschaften usw. nicht schon längst ersetzt worden?

Man kann sicherlich von einem scheinbaren „Kompetenzverlust der Religion“ sprechen, und es gibt die unterschiedlichsten Formen darauf zu reagieren: Einige schreiben die Religion bereits ab, und betreiben –wie sie meinen – „Aufklärung“ gegen die Religion, in der Annahme, dass z.B. religiöse Differenzen nur entstehen, weil Menschen noch nicht bereit sind, ihr vorwissenschaftliches Weltbild aufzugeben. Ihrer Meinung schadet die Religion sogar, da sie zu Konflikten führt, wo die Wissenschaft oder die gesellschaftliche Entwicklung schon längst ein Wort gesprochen hat. Andere fühlen ein zunehmendes Unbehagen mit einer Welt, in der alles auf Zahlen und abstrakte Begriffe zurückgeführt werden soll. Sie spüren, dass etwas in der Mitte fehlt, und blicken auf – im technischen Sinne rückständige Völker, bei denen bis ins zwanzigste Jahrhundert die ursprüngliche Einheit noch spürbar war: z.B. die tibetischen Kultur oder die Kultur gewisser Indianerstämme. An ihnen sollten wir uns wieder ein Vorbild nehmen, so lautet ihr Projekt, - und unser westlicher Buddhismus gehört ja ganz bis zu einem gewissen Grade zu dieser Denkhaltung.

III Zwischen Skylla und Charybdis

Der Sage nach durchquerte Odysseus die Meerenge von Messina, wo auf beiden Seiten des Ufers Ungeheuer lauerten, die ihm zahlreiche Gefährten fraßen. In einem ähnlichen „tragischen Dilemma“ scheint mir auch die Religion der Gegenwart zu stecken. Sie leidet an zwei Extremen, an der der einzelne Mensch als religiöses Wesen fast schon im Regelfall scheitert.

Das erste Extrem ist die Religionsvergessenheit. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland und Japan sind mit ganz anderen Dingen als Religion beschäftigt, man widmet ihr fast keine Zeit mehr. Wenn die Religion überhaupt noch ins Blickfeld gerät, dann geht man diplomatisch vor. Man gibt vielleicht noch vor, die religiöse Tradition zu schätzen: die Kirchen und Tempel lässt man stehen, die Schriften der Religion werden sorgfältig archiviert und der historischen Forschung zugänglich gemacht. Die Vertreter der Religion lädt man höflich zu Diskussionsrunden ein, da sie Teile der Gesellschaft „repräsentieren“. Aber im Grunde genommen ist man sich bewusst, dass die Religion all ihren positiven Nutzen, den sie einst für die Gesellschaft gehabt hatte, schon längst an andere Bereiche der Gesellschaft (die Fachwissenschaften usw.) verloren hat. Die Beschäftigung mit Religion nötig, um einen Ausgleich zwischen religiösen Interessengruppen zu erreichen, ansonsten ist es allenfalls ein Rückblick in die Vergangenheit. Sieht man Menschen, die die Religion noch „freiwillig“ (d.h. ohne eine Verpflichtung durch ihre Herkunft) praktizieren, so reagiert man argwöhnisch und glaubt, es müsse sich um ein Missverständnis handeln.

Das zweite Extrem besteht darin zu leugnen, dass die Religion Kompetenzen abgegeben hat, bzw. dass diese Abgabe legitim gewesen sei. Man glaubt, dass die Einzelwissenschaften zu Unrecht die Meinungsführerschaft in gewissen Gebieten übernommen hätten, die einst die Domäne der Religion waren. Wenn die Einzelwissenschaften überhaupt etwas zu melden hätten, dann erst, nachdem sie die Religion befragt haben. Auf diesem Standpunkt tummeln sich die verschiedensten Denkrichtungen und Ansätze Sie sind höchst uneinheitlich und niemals wirklich konsequent, aber sie haben alle etwas gemeinsam: sie sind eine Reaktion darauf, dass sich gerade in der Moderne die Kultur in einzelne „von der Religion unabhängige Systeme“ weiterentwickelt hat. Als Beispiel könnte man den Kreationismus nennen, der die Evolution leugnet und ganzen Bereichen der Naturwissenschaft den Mund verbieten will. Oder auch verschiedene Spielarten der Esoterik, z.B. die „Christliche Wissenschaft“, die durch Gebet Heilung herbeiführen will, aber keineswegs durch die Schulmedizin. Sogar der „islamische Fundamentalismus“ ist, da er die Rechtsordnung wieder auf Religion zurückführen will, letztlich eine Strömung dieser ganz universellen geistigen Bewegung.

Die Tragik des religiösen Menschen unserer Tage besteht darin, dass er entweder gezwungen wird, der Religion als Beobachter von außen gegenüberzutreten. Dass er z.B. nur noch gelehrt über Religion reden soll und angehalten wird, sie wie ein Obduktionsmediziner zu sezieren, ohne sich Gedanken zu machen, dass es sein eigenes religiöses Leben ist, das da auf dem Obduktionstisch liegt.  – Oder aber: dass er sich in die Religion hineinstürzt, sich von ihr alles Mögliche erhofft, was sie letztendlich überfordert; schlimmstenfalls landet er so bei irgendeiner Süßholz raspelnden Sekte. Im ersten Falle reagiert er auf die oben erwähnte Expansion der kulturellen Bereiche, indem er behauptet: in der Mitte ist nichts mehr (Nihilismus). Im zweiten Falle tut er so, als ob die Expansion gar nicht stattgefunden hätte, weil sie gar nicht stattfinden kann (Äternalismus).

Die Rechnung, die hier aufgemacht wird ist klar: entweder die Religion hat einen Nutzen für den Einzelnen bzw. die Gesellschaft oder sie hat keinen. Im letzteren Falle ist sie sinnlos, schafft nur Konflikte und sollte langfristig verschwinden.


IV Die Religion und das Leiden
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Ich denke, die Rettung der Religion und unseres Daseins als religiöse Menschen liegt darin, dass wir die Grundvoraussetzung, von der all dieses Denken ausgeht, einmal infrage stellen müssen: dass die Religion auch nur eines jener gesellschaftlichen Systeme (wie das Gesundheitssystem, Rechtssystem, Finanzsystem usw.) ist, die das Glück des Menschen zu optimieren versuchen. Meine These ist: die Religion (in Form des Christentums, des Buddhismus usw.) war niemals eine solches System und kann es auch niemals sein. Wer die Religion dazu machen will, hat die Religion von Anfang an missverstanden und wird sie verlieren, wenn er das Missverständnis nicht irgendwann einmal einsieht.

Ich möchte diesmal ein jüdisch-christliches Beispiel anführen: Im Buch Rut wird die Geschichte der Urgroßmutter des Königs David erzählt. Es heißt, eine Frau namens Noomi, habe wegen einer Hungersnot ihre Heimat, die Stadt Bethlehem, verlassen und sei mit ihrer ganzen Familie nach Moab gezogen. Aber auch im Ausland sei ihr das Glück nicht hold gewesen. Nach und nach starb ihre ganze Familie, auch alle ihre Söhne sanken kinderlos ins Grab. Einzig und allein ihre Schwiegertochter, eine Moabiterin namens Rut, bleibt übrig, und diese hält treu zu ihr. Nicht einmal als Noomi mittellos in ihre Heimat zurückkehrt, weicht Rut von ihrer Seite. Die Nichtjüdin Rut erweist sich auch im weiteren Verlauf als die vollkommene Schwiegertochter. Es gelingt, eine Heirat Ruts zu eben jenem reichen Mann einzufädeln, der nun über den verlorenen Grundbesitz der Familie Noomis verfügt. Er wird als Schwiegersohn der Familie Noomis adoptiert und damit ist die Familie Noomis – wie durch ein Wunder - wiederhergestellt. Wie erwähnt, geht aus ihr nichts Geringeres hervor als das Haus Davids.

Wenn man die Geschichte aus heutiger Perspektive liest, dann stellt man  sogleich die Frage: und was ist denn mit den Söhnen Noomis geworden? Waren sie nicht auch fromme Juden? Warum hat Gott, wenn er allgütig ist, ihre Gebete nicht erhört? Warum mussten sie so jung sterben? Warum funktioniert das Gebet im einen Fall, im anderen Fall aber nicht? Das ist das Theodizee-Problem, das in der gesamten neuzeitlichen Philosophie herumgeistert.
Das Buch Rut selbst ist vollkommen unsensibel für diese Frage, sie kommt für die Autoren dieses Buchs gar nicht in Betracht. Das Versprechen Gottes gilt dem Volk Israel (auch wenn hier der erste bemerkenswerte Adoptionsfall einer Ausländerin geschildert wird!). Es gilt nicht einer einzelnen Person und nicht deren Glück oder Unglück. Der Sinn eines einzelnen jüdischen Lebens (wenn man das recht moderne Wort „Sinn“ einmal gebrauchen darf) besteht darin, an diesem Projekt des „Volkes Israel“ teilzuhaben. Insofern hat Gott sein Versprechen auch den glücklosen Söhnen Noomis gegenüber voll und ganz erfüllt. Sie sind Ahnherren des Hauses David und damit aus höherer, sozusagen Gottes Perspektive außerordentlich glücklich.

Das menschliche Leben wird auf ein höheres Ganzes bezogen, das viel wichtiger ist als jedes individuelle menschliche Leben mit seinem Glück oder Unglück: dies ist die typisch religiöse Denkweise. Ähnlich, wenn auch in etwas anderer Form findet man sie auch im Buddhismus. Dadurch dass Menschen sich zum Buddhismus bekannten oder sogar eine große Rolle in seiner Geschichte gespielt haben, fiel ihnen das irdische Glück keineswegs in den Schoß. Buddhas Mutter starb ein paar Tage nach seiner Geburt, Buddhas großer Förderer König Bimbisara verhungerte im Gefängnis, Maudgalyayana wurde von fanatischen Sektiereren erschlagen usw. usf.

Darauf, dass der Buddhismus das menschliche Leben beglückte, darauf gibt es schon in seinen ältesten Schriften wenig Hinweise. Auch wenn gute Werke gute Resultat haben, so heißt das für die Gegenwart überhaupt nichts. Der Buddhismus ist gar nicht auf die Suche nach Glück ausgerichtet, sondern auf die Überwindung des Leidens. Einem nach Glück suchenden Menschen gönnt er es gerne, dass er etwas Glück findet – aber das Leiden in Form von Alter, Krankheit und Tod bleibt davon unberührt.

Im Mahāyāna-Buddhismus ist das Ziel nicht einmal die Überwindung des persönlichen Leidens, sondern das Leiden der anderen soll überwunden werden – genauer gesagt: es wird gar kein Unterschied mehr gemacht zwischen dem eigenen Leiden und dem der anderen. Darum ist der Weg des Bodhisattva – wie ihn beispielsweise S’āntideva lehrt– eine Einübung in das Leiden für andere. Der Bodhisattva opfert sich in einer alten Erzählung für eine hungernde Tigerin und ihre Jungen. Dies greift S’āntideva poetisch auf, wenn er die Gebefreudigkeit folgenderweise beschreibt: „Erst gibt man Karotten und anderes Gemüse, dann gibt man seine eigenen Gliedmaßen und seinen ganzen Körper.“

Selbst der Glückszustand in der Meditation oder die physische Gesundheit, die dadurch gefördert zu werden scheint, sind nur Nebeneffekte. Was vielen westlichen Buddhisten als Motivation gilt, ist eigentlich nicht Ziel des Buddhismus. Genau genommen wird in den buddhistischen Schriften nicht einmal dieser Nebeneffekt für das gegenwärtige Leben garantiert. Im Gegenteil, es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Mensch, der sein Leben mit ganzem Herzen dem Buddhismus weiht, trotzdem weiterhin physische, materielle und sogar emotionale Schwierigkeiten hat. Vielleicht verstärkt das Buddhistsein diese Schwierigkeiten sogar noch. Denn nur wenige Menschen haben Verständnis dafür, dass jemand sich zum Buddhismus bekennt. Wenn jemand all die Zeit und Mühen, die er der buddhistischen Praxis opferte, für seinen beruflichen Erfolg oder die körperliche Fitness aufgewendet hätte, dann hätte er wohlmöglich größere, sichtbarere Ergebnisse erzielt. Dies ist, was ich oben schon andeutete: wenn man die Religion (nicht nur den Buddhismus, sondern irgendeine andere auch) zu einem begrenzten Zweck ausübt, dann wächst, wenn man zu sich ehrlich ist, der Zweifel und man verliert sie.

Ein Mensch, der sich um etwas bemüht, ohne einen unmittelbaren Vorteil daraus zu erzielen: der kämpft. Alle anderen Religionen sprechen vom Kampf mit der Welt, dass man das Kreuz auf sich soll usw. Sollten Buddhisten nicht kämpfen müssen, etwas weil sie das Leiden vermeiden wollen? Das Gegenteil ist der Fall: Auch der Buddha sprach einmal davon, dass ein Elefant in der Schlacht erst kämpft, wenn er seinen Rüssel aufgegeben hat. Im Großen Sūtra (266b19) heißt es sogar (ganz ähnlich wie im Christentum), ein Bodhisattva nimmt die Last der fühlenden Wesen auf sich. All das zielt nicht auf eigenes Glück ab – jedenfalls nicht in diesem Leben und, streng genommen, noch nicht einmal im nächsten. Dies ist die Dimension des Ertragens, der „Geduld“ (k.sānti), die mir in der Lektüre immer mehr als die Haupteigenschaft des Bodhisattvas erscheint. In dieser k.sānti steckt die Lebenskraft des Buddhismus, durch die er immerhin schon 2500 Jahre alt geworden ist.

V Sich selbst opfern – aber wofür?

Warum soll man sich im Leben um etwas bemühen, das nicht der Optimierung des eigenen Glücks dient? Diese Frage führt schon aus dem Menschenbild heraus, das wie eine dunkle Wolke über unserer ganzen Gegenwart liegt. Man muss diese Frage allerdings entschlossen stellen. Wenn man hier zögert, dann fällt man wieder in die alten Gleise und gewohnten Vorstellungen über Religion zurück. Denn dann lautet die Standardantwort, die einem schon fast jeder Intellektuelle entgegenhält: Die Menschen praktizieren Religion, weil Religion ein Leben nach dem Tod lehrt und es um die Optimierung des Glücks im künftigen Leben geht. (Wer also nicht an das Leben nach dem Tod glaubt, wofür es ja keine empirischen Daten gibt, der braucht auch keine Religion und sollte sich um die Optimierung des Glückes in diesem Leben kümmern, was ohnehin sinnvoller ist etc.etc.)

Aber in der Religion geht es um viel mehr als diese moderne Religionsvorstellung uns weismachen will. Das Glück der Religion oder, genauer gesagt, der Grund, warum ein religiöser Mensch niemals auf seine Religion verzichten will, selbst wenn ihm das vollkommene Glück winkt, besteht darin, dass er in der Religion sein eigenes Dasein auf etwas Höheres bezogen sehen kann. Der Mensch sucht eine Perspektive auf sich und die Welt, die er als letztendlich und von seinem fehlerhaften Selbst unabhängig anerkennen kann, es ist eine Perspektive Gottes oder Buddhas, die ihm sein Dasein erklärt. Nicht die Suche nach dem Glück ist also das Motiv der Religion, sondern es geht in der Religion um eine Art von Weisheit oder Erkenntnis, die alle begrenzten Begründungen überschreitet und dennoch den Anker gleichsam auswirft. (Die Buddhaschaft ist durch universale Erkenntnis sarvaj~nana 一切智 charakterisiert!) Solange der Mensch eine solche sein Leben selbst begründende Erkenntnis nicht hat bzw. sie nicht einmal ahnt, ist er sich selbst irgendwie unvollständig. Er hat an der  Welt teil, aber es ist ein Anhäufen von Einzelerfahrungen, eine Art Konsum – und irgendwie fehlt darin die Würde.

Dies ist, glaube ich, ein ganz allgemeiner Gedanke, den es sehr ähnlich in allen Religionen gibt, und darum ist Religion eine viel zu ernste Angelegenheit, als dass man sie nur als eine Kalkulation über das Leben nach dem Tod missverstehen dürfte. Religion muss noch nicht einmal ein Leben nach dem Tod lehren – wie das Beispiel des alten Judentums zeigt. Die Behauptung, die Optimierung des Glücks im zukünftigen Leben sei das Motiv der Religion scheitert sie schon an den Fakten, die die Westler schon von ihrer heimischen Religion her kennen müssten.

Vielleicht hat die Menschheit seit den Tagen des antiken Judentums ihr religiöses Bewusstsein noch verschärft. Zu Zeiten Ruts, vor über 3000 Jahren, mag das Höhere, in dem das individuelle Leben seine eigentliche Erfüllung fand, der Ankerort, der zur Bedeutung des menschlichen Lebens hinüberführte, noch in dem Begriff „Volk“ versammelt gewesen sein (der damals wahrscheinlich eine unendlich viel reichere Bedeutung hatte, als er es heute hat), im Christentum wurden daraus schon „alle Völker“ (was sicherlich ebenfalls mehr bedeutet als das, was ein moderner Philanthrop unter „Menschheit“ versteht). Im Mahāyāna-Buddhismus wird es klar, dass das „Meer aller fühlenden Wesen“ dieses Höhere (den sogenannten Tathāgatagarbha) darstellt. Ein Wesen, das diesem Meer der Wesen, Einsicht (bodhi) bringt, ist ein Bodhisattva und verkörpert aus Mahāyāna-Perspektive das ideale Menschsein. Wenn der Bodhisattva allen Wesen dient, um ihnen die Einsicht zu bringen, so ist es vollkommen unerheblich, ob er nach menschlichen Maßstäben als glücklich oder unglücklich zu bezeichnen ist. Manche große buddhistische Lehrer sind ihr ganzes Leben mit einem mürrischen Gesicht herumgelaufen, z.B. der in Tibet berühmte Geshe Langri Thangpa (1054–1123), der nur ein einziges Mal in seinem Leben gelacht haben soll - so bemitleidenswert empfand er den Zustand seiner Zeitgenossen.

V. Exkurs: Die Rolle des Glücks in der Jodo Shinshu

Ich möchte nicht missverstanden werden: natürlich kann man die Religion auch als „höchstes Glück“ bezeichnen. So lautet ja auch der Name des Reinen Landes (s. Sukhāvatī j. gokuraku). Die Glücksforschung – das gibt es inzwischen tatsächlich! – hat gezeigt, dass religiöse Menschen im Durchschnitt glücklicher sind als nichtreligiöse.  Aber es ist ein vollkommen eigentliches (und in weltlichem Sinne oft ganz und gar grundloses) Glück. Wer dieses Glück sucht und gleich Ergebnisse haben will, der wird es niemals finden. Stattdessen wird er oft bei Lehren und Lehrern landen, die ihn am Ende doch enttäuschen.

Nach den Lehren der Jodo Shinshu ist das vertrauensvolle Herz (shinjin) von Glück begleitet, aber dieses Glück ist wie ein scheues Kätzchen: sobald die kleinst menschliche Leidenschaft auftritt, ist es schon wieder  verjagt. Dann muss man sich wieder viel Zeit in der religiösen Übung nehmen, um es anzulocken. Wenn dieses scheue Glück der Grund für die Hingeburt wäre, dann wäre der Mensch wahrscheinlich verloren. Denn es ist unwahrscheinlich, dass er, wenn sein Leben endet, gerade die wahre Glaubensfreude im Herzen trägt.

Zwei wichtige Fehler der spirituellen Praxis eines Jodo-Shinshu-Anhängers hängen mit der Überbewertung des Glücks in der Religion eng zusammen: Man spricht von I-Anjin (異安心) „dem vertrauensvollen Herzen in etwas Falsches“ und diese beiden Formen von I-Anjin kommen, denke ich, heutzutage sehr häufig vor.

Die erste ist „das Missverständnis, das Glück für die wahre Ursache [der Hingeburt] zu halten“ (kangi shoon no igi 歓喜正因の異義).[1] Die wahre Ursache für die Hingeburt ist das vertrauensvolle Herz, nicht das Glück, das wie erwähnt nur veränderlich ist. Darum ist es falsch, sich mit autosuggestiven Methoden in eine Glaubensfreude hineinzusteigern, und diese dann für „wahres shinjin“ zu halten. (Klassisches Beispiel dafür ist der Nembutsu-Tanz, der eine Art Glaubens-Trance herstellen will, weshalb man dieses I-Anjin auch als Odori nembutsu no jagi 踊り念仏の邪義bezeichnet).

Die zweite Form von I-Anjin ist die „Zuflucht in den spirituellen Freund“ (chishiki kimyo知識帰命 oder zen-chishiki danomi 善知識だのみ).[2] Die Jodo Shinshu lehrt die Zuflucht in Amida und niemanden sonst. Spirituelle Freunde und Lehrer sind sehr wichtig, weil sie einem die Richtung zeigen und einem helfen, wenn man mit seinen Zweifeln allein zu sein scheint. Aber sie sind für das Eigentliche, worum es geht, nämlich die Zufluchtnahme in Amida, niemals relevant. Es gibt immer wieder Menschen, die uns manipulieren wollen. Sie haben eine Ausstrahlung als wären sie immer glücklich, und suggerieren uns dadurch, dass sie eine besondere Kenntnis über den Zugang zum Glück haben. Andere suggerieren uns mit Schlagfertigkeit und sicherem Auftreten, sie hätten alles bis zum letzten Grunde durchdacht und wir lägen ganz richtig, wenn wir uns ihren Ansichten anschlössen. Lassen wir uns nicht täuschen: wenn diese Menschen ehrlich zu sich selbst wären, dann würden sie nicht so auftreten. Es ist nicht menschlich, immer glücklich zu sein oder alles jederzeit richtig beurteilen zu können.

Der einzige Weg, Amida zu begegnen, ist das Hören der Lehre und sie wird durch keine Form der Suggestion unterstützt. Nur was man selbst im Herzen wirklich verstanden hat, zählt. Das Hören der Lehre ist aber immer ein vernünftiges Zuhören und dieses vernünftige Zuhörenist zu lernen, wenn man sich zum Shin-Buddhismus bekennt. Kein anderer kann für uns denken, und dennoch muss man in keiner Weise klug sein, um die Lehre zu hören.


VI Die Relevanz der Religion im öffentlichen Leben
Doch noch einmal zurück zum allgemeinen Fall! Für die Religion muss man kein Plädoyer abgeben, da der Mensch das religiöse Wesen schlechthin ist. Er besitzt etwas, wofür ihn die Tiere, wenn sie die leiseste Ahnung davon hätten, dass es so etwas gibt, beneiden würden: die Fähigkeit, die Welt und sich selbst aus einer Einheit her zu denken. Der Mensch kann sich also auf etwas beziehen, was ihn selbst übersteigt, und er wird es auch tun, wenn er nicht ganz dem Ich-Wahn verfallen ist. In diesem – sehr weiten - Sinne sind alle Lebensäußerungen des Menschen und auch alle seine Gedanken letzten Endes religiös. Selbst Ludwig Feuerbachs mutig-trotziges „Der Mensch ist, was er isst.“ ist eine zutiefst religiöse Aussage über den Menschen.

Religion bedeutet zweierlei. Einerseits gibt es die religiöse Tradition, die aus fernster menschlicher Vergangenheit bis in die heutige Zeit reicht. Andererseits hat jedes Zeitalter seine Art und Weise, religiös zu sein, und so wie sie ausfällt, so sieht auch das Zeitalter als Ganzes aus. Gegenwärtig droht ein kleiner Diktator der ganzen Welt mit einem Atom-Angriff. Nicht anders als seine Kollegen aus dem zwanzigsten Jahrhundert scheint er keinerlei Begriff von Karma oder der Verantwortung des Menschen vor Gott zu haben. Die religiösen Traditionen der Welt haben in den Köpfen dieser Leute keinen Niederschlag gefunden. Sie sind religiöse Analphabeten.

Aber nicht nur der Extremfall ist lehrreich und bezeichnend. Auch das Menschenbild im Kopf normaler Menschen und der gegenwärtige Zustand der Welt passen erstaunlich gut zueinander. In einer Welt, in der der Raubbau an den Ressourcen der Erde „alternativlos“ ist, in der die Unterschiede zwischen den Menschen allein durch das Geld definiert werden, ist jeder Mensch eine Ich-AG: er ist selbst dafür zuständig, wie viele glückliche Erfahrungen er im Verlauf seines Lebens auf sein Konto sammelt. Welches Interesse hat er am Wohl und Wehe der anderen Ich-AGs? Hat er überhaupt eins? - Vielleicht kann man sagen, er hat ein Interesse auf die anderen Ich-AGs Rücksicht zu nehmen, denn keine Firma kann ohne ihre Handelspartner existieren. Dennoch sind die Ziele zweier Firmen keineswegs die gleichen, und welches Interesse an der Zukunft sollte eine Ich-AG haben, die sich mit dem Tode auflöst?

Und so lebt und stirbt man heutzutage nicht viel anders, als es Tolstoi in seiner genialen Erzählung „Der Tod es Iwan Iljitsch“ beschreibt. So sterben vielleicht auch wir. Bevor wir am Ende unseres Lebens die Augen schließen, erkennen wir in einem wachen Augenblick vielleicht noch, dass die Welt durch uns ärmer geworden ist. Dann aber fällt uns ein, was uns durch Jahrzehnte der Reklameberieselung zur zweiten Natur geworden ist: „Aber ich bereue nichts. Ich habe viele schöne Dinge erlebt. Ich zumindest bin glücklich gewesen.“ Das ist dann der letzte Trost.

Wie unendlich arm und klein ist ein solches Menschenleben gegen das von Geshe Langri Thangba oder den Söhne der Noomi! Wie würdelos! Und wie werden die Nachfahren darüber denken?

Schlussbemerkung

Ich habe oben als Bild für die kulturelle Entwicklung Expansion des Universums nach dem Urknall verwendet. Ein Fehler war zu behaupten in der Mitte ist nichts mehr, ein anderer war, so zu tun, als ob die Expansion gar nicht stattgefunden hätte. Im Falle des expandierenden Universums ist jeder Ort die Mitte. Übertragen auf die Religion bedeutet das, dass die Religion zwar kein Stimmrecht in den Fachwissenschaften usw. hat, aber dass sie nach wie vor die Einheit darstellt, in der der Mensch seine Existenz ordnet. Insbesondere was der Mensch tun und lassen sollte, was für ihn heilsam ist und was nicht, sind Fragen, die man nur in Zusammenhang mit Religion beantworten kann. Die Religion als letzte Einheit, wie Menschen über diese Frage gedacht haben, als „letztes Anliegen“ (Tillich), das sich selbst habe, ist natürlich vielfältig und in sich widersprüchlich. Nichtsdestoweniger muss man die Religion befragen nicht anders als man die Natur befragen muss, bevor man ein technisches Problem löst.

Darum ist die Frage, ob die Religion nützlich ist oder nicht, absurd. Denn das, was dem Menschen im letzten Sinne nützt oder schadet, lernt man von der Religion. Der Grundfehler des heutigen Denkens über Religion ist es, die Religion den Maßstäben des Utilitarismus zu unterwerfen. Aber der Utilitarismus ist nur eine philosophische Mode, die nur Menschen überzeugt, die keine Selbstzweifel daran haben zu wissen, was im letzten Sinne nützlich ist.

Das utilitaristische Denken ist in der menschlichen Kultur eine Art Schmarotzer. So wie die Mistel auf einem Baum sitzt, der ihr alle Nährstoffe zuträgt, während sie selbst diese Nährstoffe nur noch verarbeitet, so profitieren die verschiedenen Formen der utilitaristischen Philosophien von einem von einem Vokabular, das die Religionen in Jahrtausende langem Suchen entwickelt haben. Wenn wir im Deutschen auf alle Wörter verzichten müssten, die eine christliche oder vorchristlich-religiöse Vorgeschichte haben, so müssten wir verstummen. Es sind gerade die ganz entscheidenden Wörter die uns fehlen würden wie Liebe, Vertrauen, Treue, Schuld, Gerechtigkeit usw. Dieses Vokabular verwenden sie ganz ahistorisch. Sie glauben an eine absolute Bedeutung des Wortes (das sich vielleicht sogar unmittelbar mit einer Gehirnaktivität identifizieren lässt), während die menschliche Sprache doch offensichtlich ein geschichtlicher Prozess ist.

Die Utilitaristen – als Menschen, die Einsicht in die letzten Zwecke haben – fordern Flurbereinigungen aller Art. Utilitarismus und Flurbereinigungsdenken ist, logisch gesehen, genau dasselbe. Was uns der Utilitarismus als säkulare Religion verkaufen möchte, ist wie ein Second-Hand-Shop für religiöse Begriffe. Es gibt kein treffenderes Wort dafür als Religion 2.0 . Die Religion 1.0 spricht vielleicht von der „Liebe des Menschensohns“ oder von „Mitgefühl und Weisheit des Bodhisattvas“, die Religion 2.0. spricht von „Menschenliebe“, die Religion 3.0. ist dann vielleicht schon Mao Zedong. – Das ist natürlich polemisch. Ich möchte nur sagen: es ist höchst gefährlich, auf den Erfahrungsschatz, der sich in der religiösen Rede niederschlägt, zu verzichten, und eine Haltung einzunehmen, als wüsste man schon alles. Religiöses Suchen in unser pluralistischen  und multikulturellen Welt ist schwierig, aber sie ist trotz allem möglich und vielleicht sogar faszinierender als je zuvor.


[1] 僧侶必携 改訂版 永田文昌堂 1974, S. 554 Man nennt dies auch „odori nembutsu no jagi“ die „falsche Ansicht des tanzenden Nembutsu“ 
[2] Ebenda S.552

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