Anjin-Do

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Sonntag, 13. August 2017

Der Hongwanji

Der Hongwanji ist der Haupttempel der Jōdo Shinshū in Kyōto. (Hongwanji ist die traditionelle Schreibweise. Oft liest man inzwischen Honganji)
Ursprünglich gab es in Kyōto nur wenige Anhänger des Shin-Buddhismus. Aber der Familie Shinrans gelang es im Lauf der Zeit, das Grabmal Shinrans zu einer Pilgerstätte und schließlich zu einem bedeutenden Tempel auszubauen. Aus dem Amt des Grabpflegers wurde das Amt des Monshū, des Oberhaupts der Schule. Selbst der heutige (25.) Monshū ist noch ein direkter Nachfahre Shinrans.
Rennyo Shōnin, dem achten Monshū, ist es zu verdanken, dass der Shin-Buddhismus zur anhängerreichten buddhistischen Schule aufstieg. Er war ein begnadeter Briefeschreiber und Motivator, der den Shin-Buddhismus mit sicherer Hand durch eines der düstersten Zeitalter der japanischen Geschichte, die späte Muromachi-Zeit, steuerte.
Nachdem der Hongwanji mehrmals Opfer von bewaffneten Überfällen durch Mönche anderer Schulen geworden war, ließ Rennyo an einer strategisch günstigen Stelle, wo sich heute die Burg von Ōsaka befindet, einen befestigten Tempel errichten. Dieser sogenannte Ishiyama-Hongwanji war für Jahrzehnte ein Machtfaktor in Japan. In 1580ger Jahren, als die Klosteranlagen auf dem Berg Hiei von dem brutalen Kriegsherrn Oda Nobunaga zerstört und tausende Mönche getötet wurden, trotzte der Ishiyama Honganji sogar einer 10jährigen Belagerung. Am Ende vereinbarte man allerdings freien Abzug für die Verteidiger und der Tempel wurde geschliffen.
Diese weiche Lösung war aber nicht im Sinne aller. Kyōnyo, der älteste Sohn des damaligen Monshū Kennyo, hatte sich energisch für eine Fortsetzung der Belagerung ausgesprochen und war deshalb von seinem Vater enterbt worden. Nach Kennyos Tod nutzte das Shōgunat diesen Konflikt in der Gründerfamlie aus und spaltete die Jōdo Shinshū, indem es es Kyōnyo kurzerhand einen eigenen Haupttempel, den heutigen Östlichen Hongwanji (Higashi Hongwanji), schenkte.
Bis heute ist diese Spaltung der Schule, obwohl sie nur auf einem Politikum beruhte, das sich seit Jahrhunderten erübrigt hat, niemals überwunden worden. Beide Tempel liegen nördlich des Hauptbahnhofs von Kyōto und sind nur zwei Kilometer voneinander entfernt. Auf den ersten Blick sind sie - zumindest für den westlichen Besucher - zum Verwechseln ähnlich. Erst gründliches Hinblicken auf die Details enthüllt zahlreiche Unterschiede, z.B. in der Liturgie. Außerdem haben beide Tempel eine eigene akademische Tradition ausgebildet: Zum Westlichen Hongwanji (Nishi Hongwanji) gehört die Ryūkoku-Universität und zum Östlichen die Ōtani-Universität.

Die Jōdo Shinshū in Deutschland

Der deutsche Shin-Buddhismus gehört zwar noch heute zu den kleineren Gemeinschaften innerhalb des deutschen Buddhismus, aber er kann aber auf eine schon über fünfzigjährige Geschichte zurückblicken. Ursprünglich in Berlin gegründet, ist das wichtigste Zentrum heute die Buddhistische Begegnungsstätte Anjin-Dō in Mönchengladbach.
Eine besondere Bereicherung war die Einrichtung des EKO-Tempels in Düsseldorf. Zwar ist dieser Tempel, der als Teil des Hauses der japanischen Kultur auch eine lokale Sehenswürdigkeit ist, als Oase für alle Buddhisten gedacht, in seiner Einrichtung ist er aber ein originaler Tempel der Jōdo Shinshū Hongwanji-ha und auch die zwei ansässigen japanischen Priester gehören dieser Schule an.
Als Pionier des deutschen und auch europäischen Shin-Buddhismus ist Harry Pieper(1907-1978) besonders erwähnenswert, der auch in Japan hohes Ansehen genießt. Geboren in Berlin, schloss er sich schon früh dem Buddhistischen Haus in Berlin Frohnau an, das von Paul Dahlke gegründet war und die Theravada-Tradition vermittelte. Von 1930 bis 1934 (eine andere Quelle sagt bis 1938) war er dessen Leiter, danach wurden alle weiteren Aktivitäten von der Gestapo verboten. Harry Pieper traf sich in den folgenden Jahren mit einer kleinen konspirativen Gruppe zu Dharmasitzungen im Dachgeschoss einer Berliner Mietswohnung. Ein künstlerisch begabtes Mitglied malte mit Kreide ein Buddhabild an die Wand, während Harry Piper auswendig Texte aus dem Pāli-Kanon rezitierte.
Nachdem er 1946 aus der russischen Gefangenschaft zurückgekehrt war, gründete er die „Buddhistische Mission“, die sich stärker dem Mahāyāna öffnete. In dieser Zeit war er Mitglied des tibetisch orientierten Arya Maitreya Mandala von Lama Angarika Govinda.
Ab 1954 hatte er Kontakt zu dem Physikprofessor und überzeugten Shin-Anhänger Osamu Yamada, der ihn Schritt für Schritt in die Shin-buddhisische Lehre einführte. Noch im selben Jahr fand eine Begegnung mit dem damaligen Monshū, S.E. Kōshō Ōtani statt, dessen Persönlichkeit und Art, den Dharma zu vermitteln, Harry Pieper stark beeindruckten und den letzten Ausschlag gaben, sich auf den Pfad des Reinen Landes zu begeben.
In den folgenden Jahren Harry Pieper seine langjährige Erfahrung mit Organsation und Vereinsarbeit nutzen. Schon am 16. Januar 1956 gründete er die Buddhistische Gemeinschaft Jōdo Shinshū. Bald folgten seine wichtigsten Übersetzungen: Kōshō Ōtanis: "Der Glaube der Jodo-Shinshu". Ryuichi Fujiis: "Die wahre Bedeutung des Buddhismus", Kyōto 1957 "Buddhistische Religion", Kyōto 1958 u.a.
In den frühen Sechziger Jahren empfing Harry Pieper die Ordination zum Shin-buddhistischen Priester. Bis zu seinem Lebensende setzte er sich für die Vermittlung des Shin-Buddhismus ein, und die meisten wichtigen Persönlichkeiten des europäischen Shin-Buddhismus sind direkt oder indirekt seine Schüler, z.B. Jean Eracle, der Gründer der Genfer Sangha.

Privat lebte Harry Pieper ein normales bürgerliches Leben als Dolmetscher, insbesondere für amerikanische und englische Militärangehörige in der geteilten Stadt. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter. Der Buddhismus war für ihn eine Sache des Alltags, nicht der großen Worte und Vorsätze. Ein Freund und Weggefährte Harry Piepers, Valentin von Maltzan, würdigte ihn darum in seinem Nachruf mit den Worten: „Seine Einfachheit entsprang nicht Unwissen. Er hatte ein außerordentliches buddhistisches Wissen. Er hatte – wie viele europäische Buddhisten – sich erst in der Vielfalt der buddhistischen Lehrrichtungen zurechtfinden müssen. Der Shin-Buddhismus war für ihn nicht die Krönung unter den verschiedenen Richtungen – der Shin-Buddhismus war einfach der ihm angemessene Weg – und als er ihn gefunden hatte, suchte er nicht mehr weiter.“

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